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Was passiert jetzt mit Brasilien?

Bergmann Matthias 18. Juni 2013 Lemi - Kolumne 1 Kommentar
Was passiert jetzt mit Brasilien?

Gute Frage. Um ehrlich zu sein: Brasilien ist schon lange überfällig. Der grosse Knall hätte eigentlich schon nach dem Mensalão-Skandal kommen müssen. Damals wurden von der immer noch regierenden Partei PT (Arbeiterpartei) die Stimmen der Abgeordneten im grossen Massstab gekauft und mit grosszügigen Monatsraten abgegolten. Das korrupte System flog auf, nachdem einer der bestochenen Politiker ein schlechtes Gewissen (Roberto Jefferson) bekommen hat und reinen Tisch gemacht hat. So zumindest die offizielle Version …

Ex-Präsident Lula ist damals gerade noch so heil davon gekommen. Seine Komparsen sitzen zwar vor Gericht, aber eine Inhaftierung steht in naher Zukunft nicht aus. Der ganze Skandal ist nun fast 10 Jahre her und droht sich in Luft aufzulösen.

Lula hat sich mit einem gewissen Volkssympathiefaktor über seine Amtszeit gerettet. Mit dümmlichen, aber immerhin populären Sprüchen, hat er sich intelligenterweise beim armen Bevölkerungsteil Brasiliens eingekratzt, wohl wissend, dass er damit die Wählermehrheit anspricht. Es kam tatsächlich zur Wiederwahl.

Dilma, seine Ziehtochter und aktuelles Staatsoberhaupt Brasiliens, strahlt nichts von dieser Sympathie aus … und macht natürlich weiter mit Korruption, Verschwendung öffentlicher Gelder und der miserablen Bildungs- und Sozialpolitik. Hinzu kommt die immer offensichtlich werdende Inflationslüge. “Alles unter Kontrolle”, lautet der Spruch, was in Brasilien soviel wie “Alles ausser Rand und Band” bedeutet.

Das aktuelle (Fussball-)Geschehen lässt nun auch noch die überfakturierten Stadienbauten ans Tageslicht kommen. Baumeister Staat hat mal wieder kräftig eingetascht. Am Ende kamen ein paar meiner Meinung nach alles andere als prunkvoll Stadien heraus, die von aussen nicht einmal eine Verkleidung besitzen. Es sind teure Betonklötze, die nach der WM zumindest in solche Städten wie Cuiabá, Brasília und Manaus verrotten werden, weil diese Städte keinerlei erst- oder nicht einmal zweitklassige Fussballmannschaften besitzen.

Hinzu kommt, dass das fussballverrückte Volk die WM wegen der absurden Eintrittspreise auf der Strasse oder vorm eigenen Fernseher aus verfolgen muss. Zudem hat man derzeit eine glanzlose Seleção, die alles andere als Hoffnung auf einen WM-Sieg im eigenen Lande schürt (ja, in Brasilien ein wichtiger Stimmungsfaktor!).

Immo-Preise, die jenseits von gut und böse sind, gnadenlose von Staat organisierte Kreditwirtschaft, steigende Kriminalität sorgen für Unmut unter der Bevölkerung. Auch die Wirtschaft ist unter dem Protektionismus der Regierung nicht gerade positiv gestimmt, in neue Technologien zu investieren, High-Tech-Produkte zu produzieren und sich den Weltmarktpreisen anzupassen. Die Wirtschaft wird nach wie vor mit dem Rohstoffexport am Laufen gehalten, ohne in deren Weiterveredelung und somit in Wertschöpfung zu investieren. Wie auch? Mit miserabler Bildung erzeugt man keine qualifizierten Facharbeiter und muss sich auf Billiglohnjobs einlassen. Technologie wird aus dem Ausland importiert und zum doppelten Preis in Brasilien verkauft. Nach Europa, Asien oder in die USA reisenden Brasilianers glänzen die Augen vor den Schaufenstern der ersten Welt. Wie ist das nur möglich? … fragen sich immer mehr … wo doch die Arbeitskräfte in Europa oder den USA um ein vielfaches teurer sind als im eigenen Land.

Das Volk beginnt die Augen zu öffnen. Seit ein paar Tagen geht es sogar auf die Strasse und äussert sich lautstark. Täglich werden es mehr. Gestern waren es (offiziell 250.00 Menschen). Persönliche Erinnerungen an den Herbst 1989 werden wach. Ich war selbst Student an der Uni Freiberg, genau zwischen Leipzig, Dreden und Karl-Marx-Stadt. Damals hat es geklappt. Ich wünsche es dem brasilianischen Volk ebenfalls von ganzem Herzen, sich von seiner korrupten, militanten Regierung zu befreien. Und wenn es sich nicht von den Politikern unterbuttern lässt, dann gibts dieses Jahr noch eine Revolution.

Brasiliens Problem ist jedoch, dass es weit und breit keinen vertrauenswürdigen Präsidentschaftskanditaten gibt. Schade, wenn es daran scheitern würde.

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About The Author

Matthias Bergmann ist Eisenhütteningenieur und lebt seit 1994 in Brasilien. Neben seiner Tätigkeit in der brasilianischen Eisenerzindustrie unterstützt er ehrenamtlich ein von ihm initiiertes Kinderhilfsprojekt in einer der größten Favelas der Millionenstadt Belo Horizonte.

1 Comment

  1. Bergmann Matthias 19. Juni 2013 at 08:40

    Die Forderungen der Protestierenden werden langsam konkreter. Interessanterweise wünscht man sich keine Führung durch eine politische Partei. Dies spiegelt das Mißtrauen in die eigenen Politiker, egal welcher Partei, wider.

    Hier die Liste der Forderungen aus Belo Horizonte, der drittgrößten Stadt Brasiliens (vorläufig noch in Portugiesisch):

    (A manifestação não tem líder, não tem partido, é a voz do povo falando alto)

    Ao prefeito:
    - Início imediato do planejamento e obra de ampliação do Metrô-BH
    - Início imediato do planejamento e obras contra enchentes em período de chuva
    - Explicações sobre o BRT; quais são as melhorias pra cidade? Porque demora tanto? Qual a explicação para o péssimo planejamento que levou a desmanchar trechos prontos?
    - Investimento na infraestrutura e no equipamento dos hospitais e postos de saúde relacionados ao SUS.
    - Simplificação da burocracia na Saúde Pública
    - Aumento do salário dos professores
    - Investimento na infraestrutura das escolas municipais
    - Investimento em programas de educação extracurriculares
    - Desprivatização do Transporte Público
    - Diminuição da passagem do ônibus
    - Oposição oficial de BH contra a PEC37
    - Oposição oficial de BH contra o Estatuto do Nasciturno
    - Oposição oficial de BH contra qualquer projeto de patologização do homossexualidade e afins
    - Transparência máxima sobre os gastos públicos

    Ao governador:
    - Ajuda monetária às cidades para investimento em Saúde e Educação
    - Pressão sobre que o prefeito de Belo Horizonte cumpra nossas exigências
    - Investimento na infraestrutura e no equipamento dos hospitais e postos de saúde relacionados ao SUS em toda Minas Gerais
    - Simplificação da burocracia na Saúde Pública em toda Minas Gerais
    - Investimento na infraestrutura das escolas estaduais em MG
    - Investimento em programas de educação extracurriculares em MG
    - Oposição oficial de MG contra a PEC37
    - Oposição oficial de MG contra o Estatuto do Nasciturno
    - Oposição oficial de MG contra qualquer projeto de patologização do homossexualidade e afins
    - Oposição oficial de MG contra a violência em manifestações
    - Transparência máxima sobre os gastos públicos

    À presidente:
    - Pressão sobre que nosso prefeito e governador cumpram nossas exigências
    - Liberação de verba pra que os estados e municípios cumpram nossas exigências com maior efeito
    - Investimento na infraestrutura e no equipamento dos hospitais e postos de saúde relacionados ao SUS.
    - Simplificação da burocracia na Saúde Pública
    - Investimento na infraestrutura das escolas federais
    - Anulação completa da PEC37
    - Anulação completa do Estatuto do Nasciturno
    - Anulação completa de qualquer projeto de patologização do homossexualidade e afins
    - Posicionamento claro sobre as manifestações e as respostas policiais
    - Explicação sobre os gastos exorbitantes com a copa do mundo, em detrimento de problemas sociais gritantes e antigos
    - Formulação de leis anticorrupção e penas muito mais severas aos corruptos
    - Transparência máxima sobre os gastos públicos

    Dizem que não existe espaço para a conversa por falta de um líder, um representante. Não tem conversa, temos exigências, façam essa mensagem chegar a nossos ditos “líderes políticos”.

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