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Inside Favela

UPP – ein Rettungsschirm für Rio?

Bergmann Matthias 21. März 2012 Drugs + Crime Keine Kommentare
UPP – ein Rettungsschirm für Rio?

UPP = Unidade Policial Pacificadora. Das klingt kompliziert. Ist es auch. Nicht wegen der Übersetzung, nein, die Umsetzung des tollkühnen Plans der Landesregierung Rio de Janeiros ist die Schwierigkeit.

Die sogenannten Befriedigungseinheiten der Polizei (UPP) haben zum Ziel, an kriminelle Gruppierungen verloren gegangene Territorien zurückzuerobern und den demokratischen Rechtsstaat einzurichten.

Aha, und wie war das vorher?

Ganz einfach: Rio de Janeiros Favelas, von denen es um die 1000 Stück geben soll, wurden von Drogenmafias und paramilitärischen Milizen regiert. Der sogenannte Rechtsstaat interessierte sich nicht für die Armenviertel Rios. Erst als sich dort Drogenkartelle breit gemacht hatten und ihre Basen für den Drogenverkauf eingerichtet hatten, wurden die Favelas interessant für die Polizei. Nicht das man an die Bekämpfung des illegalen Drogenverkaufs dachte – ganz im Gegenteil – man wollte vom Drogenverkauf mit profitieren, ein kleines Stück vom großen Drogenkuchen abhaben. So zog die Polizei also los und handelte per Handschlag Verträge mit den Drogenbossen aus. Nach dem Motto “Wir lassen euch in Ruhe eure Drogen verkaufen – ihr bezahlt uns eine Kommission dafür”. Lange ging das gut, bis auf ein paar Ausnahmen natürlich. Wenn ein verrücktgewordener Drogenbaron mal nicht zahlen wollte, probte die Polizei den Aufstand und metzelte ein paar Dealer nieder. Mit der Zeit wurde es den Drogenkommandos zu bunt. Man begann sich zu bewaffnen. Nicht nur gegen die Staatsgewalt, sondern auch gegen andere Drogenkommandos, die sich gegenseitig ihre Territorien streitig machen wollten. Geld hatte man durch das Drogengeschäft wie Heu. Also wurden Waffen eingekauft: Pistolen, Schnellfeuergewehre, ja sogar Panzerfäuste! Krieg war also vorprogrammiert. Immer wieder flammte er auf. Es gab Tote, viele Tote. Statistiken behaupten, es seien 20 pro Tag gewesen. Fast unglaublich, aber wohl wahr, wenn man sich die Dimensionen Rios Favelas vor Augen hält. Und damit sollte jetzt auf Befehl des Landespräsidenten plötzlich Schluss sein? Wohl kaum. Aber der Anfang ist gemacht. Und er sieht vielversprechend aus.

Eine Spezialeingreiftruppe namens BOPE wurde gegründet. Neben einer Spezialausbildung im Nahkampf unter Bürgerkriegsverhältnissen erhielten sie den Persilschein zum Schießen. Ihr Auftrag lautete, die Favelas zu entwaffnen und dazu bekamen sie das Recht, auf alles zu schießen, was eine Waffe in der Hand hielt. Zudem rühmt sich die BOPE damit, unbestechlich zu sein. Super! Eine Lösung schien in Sicht.

Doch ganz so einfach war es dann doch nicht. Schließlich gab es noch genügend Gegner in den eigenen Reihen … bestechliche Militärpolizisten und korrupte Politiker trennten sich höchst ungern von ihrem lukrativen Nebeneinkommen aus dem Drogenverkauf. Eine neue, korruptionsfreie Politik musste also her. Für Brasilien wohl völliges Neuland … aber: und das muss man als Außenstehender zugeben … mit Sicherheitschef Beltrame und Landespräsident Cabral scheint sich Rio auf dem richtigen Weg zu befinden. Die Zahlen, auch wenn sie noch lange nicht die sagenumwobenen 1000 Favelas erreichen, beweisen es:

19 UPP´s wurden bereits eingerichtet.
69 Favelas wurden befriedet.
3.000 Polizisten sind fest in den Favelas stationiert.
1.000.000 Einwohner atmen weniger bleihaltige Luft.

Auch die Pläne bis zum Jahr 2014 sehen optimistisch aus:

40 UPP´s sollen eingerichtet werden.
12.000 Polizisten stationiert werden.
Zahlreiche Sozial- und Urbanisierungsprojekte sind anvisiert.

2014 … Fußball-Weltmeisterschaft … und danach???

Das ist die große Frage, die mich beschäftigt. Sind die UPP´s alles nur Makulatur für ein großes internationales Sportereignis oder werden sie zu einem allumfassenden Langzeitprojekt. Meine geographischen Kenntnisse Rio de Janeiros lassen da ernsthafte Zweifel aufkommen.

Warum befriedet man nur Favelas um das zukünftige WM-Stadion (Maracanã) und die touristische Südzone Rios? In den Medien lese ich vom “WM-Gürtel”. Aber was nützt dieser Gürtel den Menschen in den noch fehlenden 930 Favelas? Und was passiert nach 2014? Werden dann die UPP´s deaktiviert und die Favelas wieder den Drogenkommandos überlassen?

Ich bin mir noch nicht sicher, aber habe ein Auge drauf …

Liste der bereits funktionierenden UPP´s in Rio de Janeiro:

1 – Santa Marta

2 – Cidade de Deus

3 – Jardim Batan

4 – Babilônia e Chapéu Mangueira

5. – Pavão-Pavãozinho e Cantagalo

6 – Ladeira dos Tabajaras

7 – Providência

8 – Borel

9 – Formiga

10 – Andaraí

11 – Salgueiro

12 – Turano

13 -Macacos

14 – São João, Quieto e Matriz

15 – Coroa, Fallet- Fogueteiro

16 – Escondidinho e Prazeres

17. São Carlos

18. Rocinha

19. Mangueira

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About The Author

Matthias Bergmann ist Eisenhütteningenieur und lebt seit 1994 in Brasilien. Neben seiner Tätigkeit in der brasilianischen Eisenerzindustrie unterstützt er ehrenamtlich ein von ihm initiiertes Kinderhilfsprojekt in einer der größten Favelas der Millionenstadt Belo Horizonte.

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