Saturday 18th November 2017,
Inside Favela

Schein und Sein – Die Militärpolizei von Rio de Janeiro

Bergmann Matthias 14. Juli 2013 Lemi - Kolumne Keine Kommentare
Schein und Sein – Die Militärpolizei von Rio de Janeiro

Mittlerweile dürfte sich auch in Europa herumgesprochen, was derzeit in Brasilien los ist. Nein, ich meine nicht den Confed-Cup. Der ist seit einer Woche vorbei. Was weiter geht – und damit hatte bestimmt niemand gerechnet (auch nicht Präsidentin Dilma) sind die Manifestationen gegen Korruption, schlechte Bildung, mieserable Krankenhäuser und fehlende ÖVM´s auf Brasiliens Strassen!

Am Donnerstag, dem 11/07, war es nun soweit. Ein Aufruf zum Generalstreik in ganz Brasilien über soziale Netzwerke wurde von den Gewerkschaften aufgegriffen und damit auch legalisiert. Alle Bundesländer haben teilgenommen, überall kam es zu Demonstrationen, der öffentliche Verkehr wurde lahmgelegt, Häfen gesperrt und Grossunternehmen bestreikt.

Auch in Rio de Janeiro kam es wieder zu Grossdemonstrationen. Monika H. – eine deutsche Einwohnerin von Rio de Janeiro, aber ebenso wie viele Brasilianer, Steuerzahler und damit Opfer der korrupten Staatspolitik, nimmt aus Solidarität regelmässig an den Demos teil, ja wohnt sogar mittdrin! Ihr Stadtviertel Catete wurde am Donnerstag einmal mehr zum Schauplatz gewalttätiger Übergriffe auf Bevölkerung. Wieder gingen die Polizeieinheiten ohne jegliches Kriterium auf die gegen die Misswirtschaft des Staates protestierende grosse Masse los. Anscheinend lassen ihr Gehirn, ihre Ausbildung oder einfach die Befehle ihrer Bosse nicht zu, zwischen friedlichen Demonstranten und aggressiven Störenfrieden zu unterscheiden. Da wird einfach drauflos geschossen … Tränengas, Bomben und Gummigeschosse. Selbst das anliegende Krankenhaus wird nicht verschont., nachdem FRIEDLICHE DEMONSTRANTEN dorthin aus Angst geflüchtet sind. Krankenschwestern und selbst Patienten der Intensivstation wurden nicht vom Tränengas verschont.

Augenzeugin Monika H. schreibt folgendes:

“Hör gut zu Rio, die Polizei ist in diesem Land verpflichtet, ein Namensschild zu tragen und sich zu identifizieren … da sind aber nur vermummte Gestalten rumgefahren. Und ein schwarzer Block oder wer auch immer, gibt der Polizei KEIN RECHT, gegen friedliche Demonstranten mit Wasserwerfern, Gummigeschossen und Tränengas vorzugehen. Diese wenigen Krawallmacher hätten sie LOCKER festnehmen können und den Rest demostrieren lassen. Hier gehts um ganz was anderes… nämlich Machtverlust und die Angst davor. Das Arschloch Cabral hat die Hosen gestrichen voll und das ist auch gut so. Denn erst so eitert raus, was der Typ alles verbrochen hat.”

“Living in a war area, finally I realize how people in the favelas must feel when the police enters… the police is NEVER there when you need attention, but nowadays ALWAYS there, when it comes to fight against the own population!”

“Wir hatten hier gestern abend Krieg auf der Strasse. Wasserwerfer, Traenengas, Gummigeschosse… der Typ hat soviel Dreck am Stecken und jetzt benutzt er die zugegeben schlecht ausgebildete, extrem aggresive Polizei, um gegen die eigene Bevoelkerung vorzugehen.”

Zwei Tage später lese ich im Internet – auch noch als Schlagzeile: “32 Drogenhändler in der Favela Rocinha von der Militärpolizei festgenommen”.

Ich finde es toll, weil ich ebenfalls gegen Drogenverkauf und Konsum bin. Warum bin ich trotzdem überrascht? Genau – ich fühle mich von der Presse verarscht, von den wichtigen Themen im Land abgelenkt, aber noch schlimmer ist, dass man versucht, Rios Polizei nach den Fehlern der vergangenen Tage gleich wieder ins rechte Licht zu rücken! Der Einfluss der Politiker auf die Presseorgane scheint ungebrochen gross zu sein. Ich denke lieber erst gar nicht über die Finanzierung solcher Schmierblätter nach.

Und eines unterdrücke ich mir auf jeden Fall: Einen Link zu einer solchen Scheinmeldung zu setzen!

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About The Author

Matthias Bergmann ist Eisenhütteningenieur und lebt seit 1994 in Brasilien. Neben seiner Tätigkeit in der brasilianischen Eisenerzindustrie unterstützt er ehrenamtlich ein von ihm initiiertes Kinderhilfsprojekt in einer der größten Favelas der Millionenstadt Belo Horizonte.

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