Saturday 18th November 2017,
Inside Favela

Samba in der Mangueira – Teil lV

Bergmann Matthias 12. März 2012 Lemi - Kolumne Keine Kommentare
Samba in der Mangueira – Teil lV

Irgendwann verwickelte ich mich in Gespräche mit den Leuten an unserem Tisch, die natürlich wissen wollten, wie es dem Gringo auf der Feijoada-Party gefallen hatte. Ich konnte meine Begeisterung nicht verbergen. Auch mein Interesse für Favelas nicht.
Eine der anwesenden Damen – sie war eine sehr hübsche, große Mulatta mit hervorragender Figur – lachte und meinte: „So einen wie dich haben wir auch hier in der Mangueira.“ Sie zückte sofort ihr Handy und rief jemanden an. Ein paar Minuten später erschien er. Er sah aus, als wäre er gerade aus einem Wikingerschiff ausgestiegen und begrüßte meinen Freund Jörgen in perfektem Schwedisch. Es war Sören. Er war super drauf und wohnte gemeinsam mit der eben noch von mir geschilderten Mulattin gemeinsam in der Mangueira. Sie sagte mir, sie seien seit zwei Monaten Namorados, würden aber vorläufig noch nicht ans Heiraten denken …
Sören und Jörgen waren nun im Konversationsrausch. Dieser Rausch wurde von etlichen Litern Bier begleitet und Jörgen war mittlerweile so besoffen, dass er nicht mehr geradeaus laufen konnte. Ich mischte mich manchmal in die Gespräche der beiden ein. Sören war ein intelligenter Kerl. Er sprach Englisch, Portugiesisch und sogar Deutsch. Er hatte schon auf der gleichen Baustelle wie ich im fast menschenlosen Nordschweden gearbeitet. Irgendwie konnte ich nach dieser Erfahrung verstehen, wieso er ausgerechnet in Brasilien hängen geblieben war. Wir lachten über unser gemeinsames Schicksal. Es floss immer mehr Bier und die Anwesenheit eines weiteren Pisto-leiros, diesmal mit abgesägtem Karabiner, ließ uns fast gleichgültig …
Nachdem Jörgen kaum noch einen klaren Satz herausbekam, machte ich mir etwas Sorgen und dachte ans Aufbrechen. Grace verstand mich und legte keinerlei Veto ein. Ich kannte ihre Absichten in Sachen „Lemi“ bisher nicht genau, aber mittlerweile war sie mehr als eine „Eintrittskarte“ ins Reich der Favelas für mich geworden. Unsere Gespräche hatten sich vertieft und wir wussten nun beide schon einiges über das Leben des anderen. Grace war trotz ihres jungen Aussehens eine erfahrene Frau und kannte durch die Auftritte mit ihrer Sambaschule schon einige Länder dieser Welt. Als ich sie fragte, ob sie schon 18 wäre, erstarrte ich bei ihrer Antwort vor Unglauben: Sie war 33!
Ich habe einiges über ihr Schicksal und ihren Weg durch ein nicht einfaches, aber sicherlich buntes Leben erfahren. Auch ihre Religion, die ein Ableger vom Candomblé-Kult ist, offenbarte sie mir. Sie erklärte mir ihren eigenartigen Duft, der diesmal nicht der von billiger Seife war. Es war eine Art Salbung, die bei ihrem Kult vorgenommen wurde. Ich merkte, dass die Welt der Favelas und Baile-Funks, in die ich vorgehabt hatte einzudringen, noch lange nicht das Ende des Horizonts war. Grace war kompletter und bot mehr als nur Funk und Favela. Die Backsteinfassaden der Favelas verbargen mal wieder mehr, als man als Außenstehender erwartet hatte. Diese Erfahrung machte ich nun ebenfalls zum zweiten Mal. Beim ersten Mal waren es noch die Favela-Kids in Belo Horizonte, die mich mit ihrer natürlichen Intelligenz, Wissbegier und ihrem Talent beeindruckten. Sie waren aber Bestandteil eines Teufelskreises, aus dem es schwierig war, auszubrechen. Wer in Brasilien arm ist, sollte für immer arm bleiben. So lautete das Gesetz. Auch Grace war in diesem Kreis gefangen, hatte aber eine Chance bekommen. Sie tanzte bei der „Vila Isabel“ in der ersten Reihe und hatte somit auch außerhalb der Favela ein Gesicht bekommen. Vielleicht war es ihre Chance. Ich wusste, dass Grace dafür kämpfte.

Zurück zu unserer Tischrunde.

Grace machte mich darauf aufmerksam, dass Jörgen verschwunden war. Ohne Pause ergänzte sie in einem weiteren Satz, dass dies nicht gut sei! Ich erinnerte mich an den Be-ginn der Feijoada-Party. Jörgen tauschte vorsorglich mit mir seine Handynummer aus, da wir Bedenken hatten, uns am Ende der Party im Trubel wiederzufinden. Dies sollte nun sein Rettungsanker sein. Ich ließ seine schwedische Nummer klingeln, aber am anderen Ende meldete sich niemand. Ich versuchte es drei Mal, aber jedes Mal vergeblich. Jörgen war weg und es konnte alles Mögliche mit ihm passiert sein. Die wahrscheinlichste Theorie war natürlich, dass er irgendwo eingeschlafen war. In seinem Zustand war dies sicherlich auch die beste Lösung, aber hätte er dies nicht in unserer Bar tun können?
Ich teilte Grace mit, dass ich ohne ihn nicht nach Recreio zurückfahren könnte. Wir beschlossen zu warten. Mittlerweile war es weit nach Mitternacht und kein Jörgen war in Sicht. Wiederum ließ ich sein Handy klingeln, aber Jörgens Stimme wollte einfach nicht erklingen.
Mittlerweile begann es zu regnen. Der Regen wurde so stark, dass wir unsere Sitzplätze von der Straße ins recht enge Innere der Bar verlegen mussten. Ich saß jetzt „Haut an Haut“ – nein, nicht mit Grace, sondern – mit dem Pistoleiro! Ich ließ ein schüchternes „Oi, tudo bem!“ aus meinem Mund entgleiten. Er grinste mich nur an.
Ich hatte Zweifel, dass Jörgen zu unserer Bar zurückfinden würde, da sie sich in einer der Nebengassen befand. Andererseits stand mein Gol auf der Hauptstraße unterhalb der Favela und vielleicht erinnerte er sich daran? Ich sprach mit Grace da-rüber. Zeitgleich begannen Sören und seine hübsche (und auch sehr sympathische) Freundin nach Jörgen zu suchen. Doch auch sie kehrten nach einer Weile nur mit leeren Händen zurück. Mir blieb nichts weiter übrig, als zum einzig möglichen Treffpunkt zu gehen, der Jörgen in seine vom Alkohol vernebelten Sinne hätte kommen können, und dort auf ihn zu warten. Wir hatten zwar einen Treffpunkt im Falle eines Verlorengehens ausgemacht, aber der war hinter den mittlerweile verschlossenen Türen des Sambapalasts und nützte uns nun nichts mehr. Es blieb also nur noch das Auto …
Grace fand meinen Vorschlag okay und so machten wir uns auf den Weg. Vorher zahlte ich die Rechnung in unserer Bar. Dann ging es durch den strömenden Regen in Richtung Favela-Ausgang. Mittlerweile hatten sich Bäche auf den Straßen der Favela gebildet und als wir am Auto ankamen, waren wir weit und breit die Einzigen auf der Straße. Auch die zahlreichen am Straßenrand parkenden Autos der Feijoada-Besucher waren weg. Mein Gol stand noch am alten Platz, allerdings ohne ein Lebenszeichen von Jörgen. Ich sagte zu Grace, dass ich mich einfach ins Auto setzen und auf Jörgen warten würde. Grace meinte aber, dass dies zu gefährlich sei und ich mit Sicherheit überfallen werden würde. Sie wehrte sich vehement dagegen, mich alleine am Auto zurückzulassen. Mir fiel plötzlich mein rosa-grünes Feijoada-T-Shirt ein.
„Wenn ich das überstreife und mich ins Auto setze, wird mir doch sicher kein Mangueira-Bandit etwas tun?“
Grace lachte nur schelmisch und staunte über meine Blauäugigkeit: „Mein Freund, du weißt nicht, wo du bist! Rate mal, warum die Jungs mit den schweren Waffen hier patrouillieren? Der Alemão (Feind) kann hier jederzeit auftauchen und dann sitzt du mitten im Kreuzfeuer.“
Sie hatte vollkommen recht, aber was hatte ich schon für Alternativen? Auch Grace merkte, dass ich meinen Kopf ver-suchte durchzusetzen. Sie entschied sich, mit mir im Auto zu bleiben. Sie meinte, es wäre zwar nicht viel sicherer, aber zumindest plagte sie so das schlechte Gewissen nicht mehr. Ich saß also auf dem Fahrersitz und Grace neben mir. Wir kurbelten die Sitze in ihre Liegeposition und schliefen beide unter der nachlassenden Wirkung des Alkohols ein.
Ich befand mich mitten in einer Bürgerkriegszone und hatte nur zwei Dinge, die meine Sicherheitslage verbesserten: Grace und mein Mangueira-T-Shirt. Zugegebenermaßen war das nicht viel, aber in dieser Nacht war es ausreichend. Als es bereits zu dämmern begann, klopfte es an die Fensterscheibe. Ich war sofort putzmunter. Es war Jörgen. Er sah echt scheiße aus, aber es ging ihm der Situation entsprechend gut. Und ich hatte meine erste Nacht mit Grace verbracht …

Schluss.

Aus dem Roman “Eintrittskarten in Rios Unterschicht” von Matthias Bergmann

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About The Author

Matthias Bergmann ist Eisenhütteningenieur und lebt seit 1994 in Brasilien. Neben seiner Tätigkeit in der brasilianischen Eisenerzindustrie unterstützt er ehrenamtlich ein von ihm initiiertes Kinderhilfsprojekt in einer der größten Favelas der Millionenstadt Belo Horizonte.

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