Saturday 18th November 2017,
Inside Favela

Samba in der Mangueira – Teil lll

Bergmann Matthias 12. März 2012 Lemi - Kolumne Keine Kommentare
Samba in der Mangueira – Teil lll

Die Zeit raste so an mir vorbei, dass ich nicht merkte, wie schnell die letzten fünf Stunden verstrichen waren. Wir mischten uns jetzt einfach unter das tanzende Volk und ließen uns vom Sambarhythmus treiben.
Draußen war es schon lange dunkel, als wir die Sambaschule verließen. Das Fest war aber noch nicht zu Ende, auch wenn Ivo Meirelles, der Leiter der Sambaschule „Mangueira“, die Lichter in seinem Reich bereits ausgeknipst hatte.
An den zahlreichen Bars auf der Hauptstraße vermischten sich nun die Partygäste mit den Favela-Bewohnern, zu denen sicherlich auch der eine oder andere Bandit gehörte. Der Musikstil änderte sich vom Samba zum favelatypischen Funk. Schnell fanden sich ein paar MCs, die die Stimmung über Karaoke-Mikrofone anheizten.
Apropos Stimmung: Der Abend war sehr friedlich. Bis auf eine einzige Salve von drei bis vier Schüssen war es in dieser Nacht ruhig auf dem Mangueira-Hügel. Grace bestätigte mir, dass es an den Festtagen der Sambaschule eine Abmachung zwischen der Sambaschule und den Drogendealern gab. Zu den Verstrickungen der beiden Organisationen, über die schon reichlich in der Presse spekuliert wurde, habe ich keine konkreten Aussagen aus ihr herausbekommen. Sicherlich war dies auch nicht der geeignete Platz und Zeitpunkt für solche Gespräche. Ich konnte mir natürlich denken, dass es stille Vereinbarungen über die Abläufe innerhalb der Favela, die Finanzierung der Sambaschulen und die Reinwaschung von Drogengeldern gab. Aber all dies war in diesem Moment nicht von so großer Wichtigkeit, als dass es mich von der Teilnahme an einem solch wunderschönen Fest hätte abhalten können.
Natürlich fragte ich Grace zu fortgeschrittener Stunde nach einem Baile-Funk in der Favela. Sie erzählte mir, dass es gleich drei davon entlang der auf den Morro führenden Hauptstraße gibt. Als sie meine auffordernden Blicke wahrnahm, lachte sie und klärte mich auf, dass hier sonnabends kein Baile-Tag wäre. Der ist am Freitag! Das war natürlich ein kleiner Rückschlag, aber vielleicht war es auch besser so, denn Lemi hatte schon leichte Schlagseite und einen solchen Event wie ein Baile-Funk in der Mangueira wollte er natürlich mit allen sechs Sinnen wahrnehmen.
Grace fragte mich (und natürlich meinen schwedischen Kumpel, der immer noch an unserer Seite war), ob wir nicht ein paar ihrer Freunde kennenlernen wollten. „Ja, warum eigentlich nicht …“, war meine ziemlich heruntergespielte Ant-wort, denn natürlich brannte es mir unter den Nägeln, die Mangueira nicht nur zu streifen …
Wir spazierten also gemeinsam mit Grace und noch ein paar anderen Damen aus der Sambaschule in einem dicken Menschenstrom favelaeinwärts. Bilder vom „Morro do Papagaio“ wurden in meinen Gedanken wach. Sie war neben der Favela Rio das Pedras die einzige Favela, die ich bisher nachts betreten hatte. Die Hauptstraße, die kleinen Billard-Bars, die zahllosen Kneipen, der Friseursalon, der um jede Zeit offen war und dessen Friseur fast ohne Licht arbeiten konnte. Alles ähnelte sich. Erst als wir tiefer in die Favela eindrangen und offenbar in Graces Stammbar gelandet waren, sah ich etwas Unglaubliches. Einer der Männer spielte an seinem Revolver und hatte einen Granatengürtel um! Bisher hielt ich diese Schwerbewaff-netenszenarios immer für sehr vage und mochte dem nie so richtigen Glauben schenken, zumal ich in der Papagaio sehr selten mal einen Revolver zu sehen bekam.
Grace nahm mich gleich zurück, als ich den Typen anstarrte. „Bleib cool, Lemi. Wir sind hier zum Trinken, Tanzen und Lachen. Solange wir genau das tun, krümmt uns hier keiner ein Haar.“
Momentan war mir nicht so richtig zum Lachen zumute. Ich erinnerte mich an den Fahrstuhl zum Schafott. Der Typ mit dem Bombengürtel war dabei der Mann, der den Knopf drü-cken würde, um den Fahrstuhl nach unten zu befördern.

Fortsetzung folgt …

Aus dem Roman “Eintrittskarten in Rios Unterschicht” von Matthias Bergmann

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About The Author

Matthias Bergmann ist Eisenhütteningenieur und lebt seit 1994 in Brasilien. Neben seiner Tätigkeit in der brasilianischen Eisenerzindustrie unterstützt er ehrenamtlich ein von ihm initiiertes Kinderhilfsprojekt in einer der größten Favelas der Millionenstadt Belo Horizonte.

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