Saturday 18th November 2017,
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Samba in der Mangueira – Teil ll

Bergmann Matthias 12. März 2012 Lemi - Kolumne Keine Kommentare
Samba in der Mangueira – Teil ll

Doch plötzlich stand sie vor mir!
Es war eine mir scheinbar unbekannte Schönheit im blau-weißen Karnevalskostüm der Sambaschule „Vila Isabel“. Der kurze Rock zeigte ihre perfekt geformten Beine und verriet etwas über den ebenso wundervollen Bumbum. Alles an ihr war durchtrainiert und ihr strahlend weißes Lächeln und ihr mit Glitzer besprühtes Antlitz ergänzten ihren graziösen Anblick. Ihre in dunkles Weinrot gefärbte Mähne war mit dem blau-weißen Federschmuck ihrer Sambaschule verknotet. Es war Grace … die junge Frau, die ich vor einer Woche noch in hautengen Shorts und ärmellosem T-Shirt in der Bar vorm „Castelo das Pedras“ kennengelernt hatte. Sie hatte sich verwandelt und war einfach nur wunderschön. Ich musste mich beherrschen, sie nicht vor Freude zu umarmen.
Sie nahm mir diese Entscheidung ab, umarmte mich und gab mir einen Kuss. Sie sagte voller Freude: „Lemi, das ist meine Welt. Ich werde dir alles zeigen!“ Doch die Freude dauerte nicht lange. Wir tranken gerade gemeinsam unser erstes Bier und plauderten etwas, da kam die Chefin der Tanzgruppe, der sie offenbar angehörte, und rief sie zu ihrem Auftritt. Ihre Schule sollte auf die Bühne kommen und im Weggehen rief sie mir noch zu, dass ich auch immer brav auf die Bühne schauen sollte …
Grace tanzte wie ein Feuerwerk. Man konnte meinen, ein Vulkan würde ausbrechen, so viel Energie wurde aus ihr frei. Ihre Tanzpartner waren zugegebenermaßen nicht weniger schlecht, sodass die ganze Show zu einem reinen Augenschmaus wurde. Da ich diesmal den Fotoapparat dabei hatte, schoss ich massig Fotos von den Tänzern. Unbewusst war immer wieder GRACE im Mittelpunkt. Sie sollte dies auch die ganze Nacht bleiben …
Graces Freundinnen, die ich nach dem Baile-Funk kennengelernt hatte, waren übrigens auch dabei und kümmerten sich ganz fürsorglich um Jörgen. Ihm gefiel das sichtlich gut. Eine der beiden konnte sogar etwas Englisch, was die ganze Unterhaltung belebte. Jörgens schwedische Gefühlseisschicht taute in der Hitze des Karnevalsgetümmels. Er richtete immer wieder den nach oben gestreckten Daumen in meine Richtung. Ich wusste, er war in guten Händen.
Nachdem Grace eine Weile auf der Bühne war, bekam ich unerwartet eine neue Begleitung. Es war Caroline, eine der drei „Funkeiras“, die wohl bei Jörgen nur zweite Wahl geblieben war. Sie bemerkte natürlich, dass ich auf Grace fixiert war, und witterte wohl ihre letzte Chance. Nach etwas Geschwätz und einem weiteren Bier fragte sie mich direkt: „Você vai ficar comigo hoje?“ Ich verstand den vollständigen Sinn ihrer Frage nicht ganz und bejahte relativ unbedacht, ohne groß nachzudenken. Sie machte plötzlich Freudensprünge und rief: „Ele vai ficar comigo … ele vai ficar comigo …!!!“ Erst als ich noch mal grübelte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Sie hatte mich soeben gefragt, ob ich diese Nacht mit ihr verbringen würde. Natürlich nicht tanzend, sondern „schlafend“ …
Ich machte mir trotz dieses Lapsus relativ wenig Gedanken, da ich wusste, dass Grace große Schwierigkeiten haben würde, mich in dem Getümmel wiederzufinden, und auch Caroline recht attraktiv war. Caroline war zwar mit ihrem relativ „gewöhnlichen“ Kleid, das eigentlich alles Interessante verbarg, um Meilen von Grace entfernt, aber was sollte es? Ich war ungeplant in eine Karnevalsparty gerutscht und das auch noch in toller Begleitung, die jetzt plötzlich Caroline statt Grace hieß. Innerlich musste ich aber zugeben, dass Grace ihren Namen „Grazie“ vom Kopf bis zum kleinen Zeh verdient hatte und bei einem fairen Wettbewerb sicherlich meine Nummer 1 unter den zur Auswahl stehenden Damen gewesen wäre.
Und natürlich kam es, wie es kommen musste. Gerade in dem Moment, als ich Caroline etwas ins Ohr flüsterte, klopfte mir jemand auf die Schulter. Mit wütendem Blick bat sie um „licença“ und stürmte auf ihre Freundin los. Es gab eine knallharte Diskussion und Caroline wurde klargemacht, dass Lemi bereits eine „dona“ hatte, welche Grace hieß und auch den ganzen Abend so heißen würde. Ich versuchte etwas abzuwiegeln und Caroline zu beschützen, doch dann wandte sich Grace zu mir und ich war dran. Ich bekam eine Kopfwäsche, wie ich sie selten erlebt hatte. „Kaum dreht man dir den Rücken zu, schon reißt du eine andere auf. Ihr Männer taugt nichts. Nicht mal ihr Gringos. Ihr seid doch alles Schweinehunde …“
Es war eine Schimpforgie, wie sie im Buche steht. Ich fragte mich, wo die Frau diese Energie hernahm. Sie kam gerade völlig schweißüberströmt von der Bühne und sollte eigentlich ausgelaugt sein. Doch keine Spur von Ermüdung. Der Vulkan kochte weiter in ihr.
Ich musste ihr schwören, dass ich „meine Blicke nicht mehr kreisen lasse“ und lobte ihre Schönheit in allen Tönen. Langsam kehrte ihr Lächeln wieder in ihr Gesicht zurück. Grace zerrte mich jetzt mit in die VIP-Lounge ihrer Sambaschule, wo ich die Mestres und alle wichtigen und weniger wichtigen Leute der Sambaschule Vila Isabel kennenlernte. Grace gab einem der (recht kräftigen) Jungs Bescheid, dass er auf mich aufpassen und mir Bier verabreichen sollte. Das gab es auf den Logenplätzen kostenlos! Grace musste noch einmal verschwinden, um sich umzuziehen. Diesmal ging sie kein Risiko ein! Lemi hatte kein Problem mit all diesen ungewohnten Abhandlungen und genoss den Blick auf den Tanzsaal von oben. Die verschiedenen Sambaschulen gaben nun lockere Tanzvorführungen mitten im Tanzsaal. Sogar Pärchen aus Kindern waren dabei. Unglaublich, wie man in Rio tanzte. Meine Augen wurden feucht. So etwas hatte ich in 15 Jahren Brasilien noch nicht gesehen. Grace, die an alledem schuld war, streifte sich eine Wand weiter gerade ihr Kostüm ab und warf sich ein völlig beinfreies Kleid über. Als ich sie mit dem Kleid vor mir stehen sah, blieb mir zum zweiten Mal am gleichen Abend die Spucke weg. Entweder war Grace einfach umwerfend schön oder Lemi schon besoffen. Als ich am nächsten Tag neben ihr aufwachte, wusste ich, dass es eine Mischung aus beidem war …

Fortsetzung folgt …

Aus dem Roman “Eintrittskarten in Rios Unterschicht” von Matthias Bergmann

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About The Author

Matthias Bergmann ist Eisenhütteningenieur und lebt seit 1994 in Brasilien. Neben seiner Tätigkeit in der brasilianischen Eisenerzindustrie unterstützt er ehrenamtlich ein von ihm initiiertes Kinderhilfsprojekt in einer der größten Favelas der Millionenstadt Belo Horizonte.

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