Saturday 18th November 2017,
Inside Favela

Samba in der Mangueira – Teil l

Bergmann Matthias 1. März 2012 Lemi - Kolumne Keine Kommentare
Samba in der Mangueira – Teil l

Samba in der Mangueira – Teil 1

Ich staunte, wie gut Rio ausgeschildert war. Selbst Favelas wie die Mangueira zu finden, war mit etwas Ortskenntnis recht einfach. Ich wusste, dass der Favela-Hügel der Mangueira gleich neben dem Maracanã-Stadion lag. Dort war ich bereits zweimal gewesen. Das erste Mal beim Ortsderby Fla-Flu und das zweite Mal wegen einer Dame namens Marta. Aber das war Vergangenheit.

In der Nähe des Maracanã sah ich dann auch schon die Verkehrsschilder mit der Aufschrift „Mangueira“, denen ich bis zum Endziel folgte. Diesmal war ich bei meinem Favela-Ausflug in Begleitung. Nein, es waren nicht die Damen vom Baile-Funk, sondern mein schwedischer Baustellenkollege Jörgen, der dieses Wochenende mal etwas erleben wollte. Die „Feijoada da Mangueira“, so dachte ich mir, war sicherlich eine gute Gelegenheit dazu …

Die Hauptstraße vor der Sambaschule „Primeira Estação da Mangueira“ war aufgrund des Festes sehr belebt. Die selbst ernannten Parkeinweiser hatten alle Hände voll zu tun, um die zahlreichen Autos auf die eigentlich nicht vorhandenen Parkplätze einzuweisen und sich so ein Taschengeld zu verdienen. Auch für meinen VW Gol war eine Lücke zwischen zwei kleinen Bars vorhanden. Kaum aus dem Auto raus, waren wir mitten im Trubel. Aber wie sollte ich hier meine „Eintrittskarten“ wiederfinden? Keine Chance. Stattdessen sah ich jede Menge in Karnevalskostüme bekleidete graziöse und sehr dunkelhäutige Damen, die meine Blicke gleiten ließen. Die meines schwedischen Freundes Jörgen ebenfalls. Wir fühlten uns wohl und orderten bei einem der Straßenverkäufer erst mal eine Flasche Skol aus seiner Styroporbox. Es war wie auf dem Jahrmarkt. Sich in alle Richtungen bewegende bunte Menschenmassen waren unterwegs. Doch die Hauptrichtung war ganz klar: der Eingang zur Sambaschule. Wir einigten uns deshalb recht schnell darauf, das nächste Bier im uns noch unbekannten Inneren der Sambaschule zu trinken. Der Eintritt kostete immerhin 25 R$ und beinhaltete nicht nur die Feijoada, sondern auch noch ein T-Shirt, natürlich in den Farben der Mangueira: rosa-grün.

Der riesige Sambapalast war bereits gut gefüllt. Die Logen waren mit den Namen der konkurrierenden Sambaschulen dekoriert. Genau dort waren auch einige Tänzer, Tänzerinnen und Mestres in den Farben und Kostümen ihrer Schulen. Ich erkannte die Salgueiro, Imperatriz und Vila Isabel. Auf der Bühne spielte bereits eine Band traditionellen Karnevalssamba und die Tanzfläche füllte sich zusehends. Dahinter hing eine riesige Fahne der Mangueira-Sambaschule, die den freien Blick auf den Favela-Hang verdeckte, was mich aber nicht weiter störte, da ich mir momentan keinen besseren Ort vorstellen konnte als diesen hier. Es war gerade mal 3 Uhr nachmittags und alle tranken Bier, tanzten und vergnügten sich. Jörgen war Feuer und Flamme von den Tänzerinnen und kippte sich ein Bier nach dem anderen rein. Ich tat es ihm gleich, immer wieder einen Blick in die Runde werfend, um die Ankunft meiner „drei Damen vom Baile“ nicht zu verpassen. Nachdem die Jungs auf der Bühne zum x-ten Mal den Samba des letzten Karnevals heruntergespielt hatten, betrat eine dicke, schwarze Frau mit einem langen Kleid die Bühne und scherzte mit den Bandolinspielern. Dem Sänger entriss sie das Mikrofon und als sie ihre Stimme erhob, wusste ich, wer sie war: Alcione. Sie sang vier ihrer bekanntesten Sambas und der Saal verwandelte sich in einen Kessel. Alle sangen ihre Lieder mit und tanzten leidenschaftlich Samba. Es war ein tolles Fest und die Feijoada war plötzlich so etwas von nebensächlich, wie man es sich kaum vorstellen konnte.

Fortsetzung folgt …

Aus dem Roman “Eintrittskarten in Rios Unterschicht” von Matthias Bergmann

Like this Article? Share it!

About The Author

Matthias Bergmann ist Eisenhütteningenieur und lebt seit 1994 in Brasilien. Neben seiner Tätigkeit in der brasilianischen Eisenerzindustrie unterstützt er ehrenamtlich ein von ihm initiiertes Kinderhilfsprojekt in einer der größten Favelas der Millionenstadt Belo Horizonte.

Leave A Response

*