Saturday 18th November 2017,
Inside Favela

Rocinha: Der Fall “Amarildo”

Bergmann Matthias 6. Oktober 2013 Lemi - Kolumne Keine Kommentare
Rocinha: Der Fall “Amarildo”

Amarildo … so heisst derzeit der berühmteste Maurergehilfe Brasiliens. Zum Ruhm hat er es leider nicht zu Lebzeiten geschafft. Schuld daran ist … ja, wer eigentlich nun? War es das Drogenkommando oder die Befriedungspolizei?

Befriedungspolizei … nein … das verbietet allein der Name schon.

Nun war es aber so, dass Amarildo auf dem Heimweg von der Arbeit von einem solchen Befriedungspolizisten in den UPP-Container gebeten wurde, um sich ein paar Fragen und einer Leibesvisite zu unterziehen. Offenbar war den Polizisten Amarildos Weste zu weiss. Man versuchte mehr aus ihm herauszupressen. Mehr und immer mehr. Doch Amarildo wusste nichts von Drogendealern und war erst recht nicht in ihre Geschäfte verwickelt. Es gab Schläge, einen Platiksack über den Kopf … Torturen, die die Welt im Film “Tropa de Elite” auf der Leinwand zu sehen bekam. Das war allerdings damals, als es noch keine UPPs gab. Mit den UPPs kehrte der Frieden in Rio ein, so die Worte Rios Governeur Sergio Cabral.

Nun ist Amarildo verschwunden. Obwohl die Favela Rocinha seit ihrer Befriedung mit zahlreichen Videokameras und die Polizeifahrzeuge mit GPS ausgestattet sind, gab es just in den Stunden nach Amarildos Verhör einen generellen Datenverlust auf allen Videokanälen der Polizei. Tja, ein kleineres Technikproblem eben. Dummerweise kam hinzu, dass plötzlich alle Video-Aufzeichnungen verschwanden, die GPS-Sender ausgeschaltet blieben und selbst der Maurergehilfe wie vom Erdboden verschluckt war. Die Polizisten der UPP behaupten, eine weisse Weste zu haben, Amarildo brav nach Hause geschickt zu haben und setzen noch einen drauf: Dort ist er bestimmt von Drogendealern überrascht worden, die ihn aus der Polizeistation kommen sehen haben und meinten, er hätte sie verpetzt.

Nun ja, unlogisch klingt es nicht, aber warum musste man dann alle Peilsender und GPS-Geräte der Polizeiautos ausschalten? Wurde Amarildo etwa aus Versehen von einem Polizisten getötet, anschliessend verschleppt und verbuddelt? Wo befindet sich seine Leiche? Warum musste er sterben?

Fragen, die die Einwohner der Rocinha auf grossen Plakaten an den Governeur Sergio Cabral stellen. Dummerweise befand sich Rio zu dieser Zeit in einer Phase der Grossdemonstrationen gegen Regierung und Polizeistaat und landete in der Presse. Was man zu vertuschen versuchte, eröffnet seit Wochen jedes Abendjournal. Nach und nach beginnt die Fassade zu brökeln. 10 Polizisten wurden vom Dienst beurlaubt. Aha! Ja, es waren diejenigen, die in der fraglichen Nacht Dienst in der UPP der Rocinha schoben. Seitdem ihre Bilder über die Fernseher flimmern, erinnern sich mindestens 20 weitere Einwohner von ihnen gequält und misshandelt worden zu sein. Es kommt zur Anzeige gegen sie. Waren es doch nicht die Drogendealer?
Bleibt die Frage: ONDE ESTÁ AMARILDO?

Quelle Titelfoto: tribunahoje.com

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About The Author

Matthias Bergmann ist Eisenhütteningenieur und lebt seit 1994 in Brasilien. Neben seiner Tätigkeit in der brasilianischen Eisenerzindustrie unterstützt er ehrenamtlich ein von ihm initiiertes Kinderhilfsprojekt in einer der größten Favelas der Millionenstadt Belo Horizonte.

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