Saturday 18th November 2017,
Inside Favela

Nachts in der Favela – Teil lV

Bergmann Matthias 12. März 2012 Lemi - Kolumne Keine Kommentare
Nachts in der Favela – Teil lV

Nach einer Weile kam Rosa zurück zu mir und fragte mich mit einem verführerischen Lächeln, ob ich ihr zwei Reais geben könnte. Ich fragte sie natürlich wofür. Schließlich war es nicht gerade eine meiner Gewohnheiten, wahllos Geld an unbekannte Leute zu verteilen. Sie erklärte mir, dass sie zwei Titel an der Jukebox auswählen wolle. Ich gab ihr die zwei Reais und flachste, dass sie diese zwei Titel dann auch mit mir tanzen müsse. Sie lächelte nur und meinte: »Ich werde zwei heiße Titel auswählen.«
Bis die von ihr ausgewählte Musik an der Reihe war, verging noch etwas Zeit. Als dann der erste Titel gespielt wurde, sprang sie wie wild auf die Tanzfläche und zog mich gleich an ihrer Hand mit. Ich wehrte mich natürlich nicht, wunderte mich nur. Es war weder eine romantische noch eine heiße Musik, wie sie mir vorher versprochen hatte. Ein Samba wurde gespielt. Offenbar wollte sie mich schon wieder testen oder einfach nur vor dem restlichen Publikum lustig machen. Doch da hatte sie sich geirrt, denn Lemi konnte auch ein wenig Samba tanzen. Und da ich schon genug Bier getrunken hatte, war ich locker genug in den Beinen. Ich tat so, als wäre Sambatanzen das Normalste auf der Welt für mich. Rosa war aber weder argwöhnisch noch belustigt, sondern freute sich einfach nur, dass sie endlich einen Tanzpartner hatte. Wie sie mir später beichtete, sogar einen recht attraktiven, auf den fast alle anwesenden Damen des Favela-Forrós scharf waren. Die Mehrheit von ihnen war »verhindert«, aber das wusste ich natürlich schon.
Der zweite Tanz entsprach dem, was ich nach Rosas Versprechen erwartet hatte. Sie umschlang mich und wir tanzten so eng aneinander geschmiegt, dass ich das Gefühl hatte, ihren Körper mitzutragen. Rosa blieb schweigsam beim Tanzen. Ihre Haut fühlte sich zart an. Sie war weich wie Butter. Ich spürte ihren warmen Atem in meinem Nacken, was unweigerlich dazu führte, dass sich mein Nackenhaar aufstellte. All meine Sinne waren bis aufs Äußerste geschärft. Die Tanzbewegungen der Beine wurden zur Nebensache. Ich spürte sie nicht einmal mehr. Umso mehr nahm ich Rosas weichen Busen an meiner Brust, ihre Hüften unter meinen Händen und ihren Duft wahr. Meine Gefühlsnerven waren auf Rosa fokussiert. Alles um mich herum wurde unscharf.
Dummerweise war der Forróabend genau nach diesem Titel beendet. Die Jukebox wurde ausgeschaltet und das Volk zog murrend nach Hause. Auch ich fand diesen rabiaten Abschluss des Forrós ziemlich unpassend, zumal ich ja gerade erst anfing, mich zu amüsieren. Ich hastete schnell zur Theke und bestellte noch ein Bier. Doch der Barkeeper machte mir, ohne seine Miene zu verziehen, klar, dass Schluss wäre und es jetzt nur noch Büchsenbier gäbe, welches genau wie die große Flasche drei Reais kosten würde, obwohl nur die Hälfte drin war. Ich schluckte den Preis und anschließend mein offensichtlich letztes Antarctica-Bier an diesem Abend.
Eigentlich hatte ich noch keine so richtige Lust nach Hause zu gehen. Ein paar anderen Leuten ging es genauso. Sie versammelten sich vor der Forró-Tanzbude und beratschlagten sich, wo sie hingehen würden. Rosa war auch darunter. Ich mischte mich einfach dazu. Rosa bemerkte das sofort und fragte mich auch gleich, ob ich noch Lust auf mehr hätte. Ich ließ mich nicht betteln und bejahte natürlich.
So langsam bekam die Diskussion eine Richtung. Es sollte noch weiter ins Innere der Favela gehen. Dort fand eine Funkparty statt, was ich mir bei der Größe der Favelinha irgendwie gar nicht vorstellen konnte. Baile-Funks, wie sie in Brasilien genannt wurden, waren aus meiner Sicht Großveranstaltungen mit Tausenden von Leuten und einem Höllenlärm aus riesigen Lautsprecherwänden. Bei der Größe der Favelinha hätte man die Funkmusik an jeder x-beliebigen Stelle der Favela hören müssen. Um uns herum war es aber leise. So leise, dass ich nicht so recht an einen Baile-Funk glauben konnte. Als es endlich losging, lief ich der Horde junger Leute einfach hinterher. Ich hatte keine Ahnung, wie spät es gerade war. Ich hatte natürlich keine Uhr um. Aber ganz sicher war es schon nach Mitternacht, dem Gefühl nach sogar etwas später. Die Straßen der Favela waren mittlerweile fast leer gefegt. Ein Grund mehr für die Jungs aus unserer Gruppe, reichlich Lärm zu machen. Man wollte zeigen, dass man noch wach war. Ich blieb ruhig und hielt mich an die einzige Person aus der Gruppe, die ich kannte: Rosa.
Es ging leicht bergab und irgendwann kamen wir an eine der in der Favela üblichen, unverputzten Backsteinhütten. Die ganze Meute steuerte auf die Tür dieses Hauses zu. Eine der Jungs klopfte laut an die Blechtür. Nach einer Weile steckte eine junge Frau ihren Kopf durch die Tür. Sie ließ nacheinander alle rein. Erst bei mir machte sie halt.
»Du bist nicht von hier!«
»Nein.«
»Dann hau ab!«
»Die Jungs und Mädels hier haben mich mitgenommen. Wir waren vorher zusammen beim Forró.«
»Aber hier ist Baile-Funk. Willst du etwa hier rein?«
»Ja, wenn du mich lässt!«

Sie bemusterte mich von oben bis unten. Offenbar passte ich gerade noch so in ihr vorgefertigtes Raster. Sie schien zu einer abschließenden Meinung zu kommen.
»Kostet zehn Reais für dich.«
»Die anderen lässt du umsonst rein und ich muss zehn Reais zahlen?«
»Ja, weil du nicht von hier bist.«
Ich murrte. Mein Gleichberechtigungssinn bäumte sich gerade innerlich auf. Rosa, die schon drin war, kam zurück und versuchte mit der Dame am Einlass, die wohl auch die Besitzerin des Hauses war, zu verhandeln. Doch es spielte sich nichts ab. Ich hatte zu zahlen. Wenigstens ein kleines Eingeständnis machte sie. Für die zehn Reais Eintritt bekam ich unbegrenzt Freibier. Ich fand das keinen allzu schlechten Deal. Allerdings stellte ich später fest, dass alle Partygäste kostenlos Bier tranken. Wo war ich hingeraten? War das etwa eine von den Traficantes, den örtlichen Drogenhändlern, gesponserte Party? Ich bekam es bis zum Schluss nicht heraus. Um ehrlich zu sein, stellte ich auch keinerlei Nachforschungen an. Meine Sinne waren bereits zu sehr vom Alkohol vernebelt und alles, was von ihnen übrig blieb, war auf Rosa fixiert.
Das Haus war zweistöckig. Die untere Etage war als Bar eingerichtet. Ein Klo gab es ebenfalls. Zur oberen Etage führte eine enge Wendeltreppe aus Metall mit weißen Stufen. Dort war der Partybereich. Es gab verschiedene kleine Räume. Die Wände waren alle unverputzt. In einem spielte der DJ Funkmusik. Ein weiterer Raum war der Tanzbereich. In den anderen Räumen hingen die Partygäste, die nicht tanzten, ab. Das Haus war fensterlos. Aber nicht im eigentlichen Sinne, denn die Löcher für die Fenster waren vorhanden, nur die Fensterrahmen und Scheiben fehlten. In einem der Zimmer lungerten die Typen herum, mit denen ich gekommen war. Von den Partygästen, die vor uns da waren, wurde ich zwar bemustert, aber nicht angemacht. Alles war sehr eng. Die Musik war nicht übermäßig laut. Als ich nach den Lautsprecherboxen suchte, schaute ich unwillkürlich nach oben und entdeckte, dass das Haus überhaupt kein Dach hatte. Ich stand unter freiem Himmel!
Irgendwann kam Rosa zu mir. Wahrscheinlich hatte sie Mitleid. Ich stand ziemlich alleingelassen herum, war aber dennoch zufrieden, denn alles um mich herum war so neu und interessant, dass ich gar nicht daran dachte, mich zu langweilen. Wieder tänzelte sie um mich herum und ich mutmaßte, dass es wieder eine Aufforderung zum Tanzen war. Ich schlug auch diesmal nicht ab. Wir gingen in den Tanzraum. Während ich dort mit Rosa zur Funkmusik tanzte, spielten sich um uns herum heiße Szenen ab. Einige der Tanzpärchen waren dem Geschlechtsakt sehr nahe. Ich schaute nicht mehr hin. Ich hatte Schiss, deswegen angepöbelt zu werden. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass die anwesenden Damen zu ALLEM bereit waren. Die Jungs sowieso. War ich etwa in einem Favela-Puff? Nein. Rosa war bestimmt keine Nutte. Doch auch Rosa schaute mich jetzt mit ganz anderen Augen an. Und plötzlich hing sie an meinen Lippen. Ich hatte nicht den Ansatz einer Chance, mich zu wehren und ließ es einfach geschehen. Der Rest des Tanzes war so heiß, wie ich es noch nie erlebt hatte …
Als ich Durst bekam und zum wiederholten Male die weiße Wendeltreppe nach unten nahm, merkte ich, wie die Stufen der Treppen vor meinen Augen verschwammen und zu einer Rutschbahn wurden. Es war höchste Zeit zu gehen. Ich hatte bereits viel zu viel getrunken und wusste mit keiner Silbe, wo ich mich befand. Der Heimweg würde zu einer Herausforderung werden. Ich befand mich mitten in einem Labyrinth und hatte vergessen, wo der Ausgang war.
Ich legte fest, dass dies mein letztes Bier sein sollte. Ich ging zu Rosa. Wir verabschiedeten uns. Wieder hing sie blitzschnell an meine Lippen und saugte sie an ihren Schmollmund. Auch beim zweiten Kuss wehrte ich mich nicht. Warum auch, wenn ich den ersten schon durchgehen lassen hatte. Auf dem Weg aus der Favela trank ich meine letzte Büchse Bier an diesem Abend. Die Straßen waren leer, die Favela schien friedlich. Mein gut ausgeprägter Orientierungssinn ließ mich glücklicherweise auch im benebelten Zustand nicht im Stich. Ich fand den Ausgang der Favela schneller als erwartet. Als ich sie in Richtung Osten verließ, erschrak ich. Ich sah die Silhouette der kastenförmigen Hochhäuser Recreios vor mir, aber nicht im Licht der Straßenlaternen – nein – es war bereits das Morgengrauen! Den restlichen Weg kannte ich, und so zog ich in Gedanken versunken in Richtung des Posto 9 los, wo sich meine Wohnung befand. Ich war noch nicht allzu weit gekommen, als es plötzlich wieder stockdunkel um mich wurde …

Schluss.

Like this Article? Share it!

About The Author

Matthias Bergmann ist Eisenhütteningenieur und lebt seit 1994 in Brasilien. Neben seiner Tätigkeit in der brasilianischen Eisenerzindustrie unterstützt er ehrenamtlich ein von ihm initiiertes Kinderhilfsprojekt in einer der größten Favelas der Millionenstadt Belo Horizonte.

Leave A Response

*