Saturday 20th January 2018,
Inside Favela

Nachts in der Favela – Teil lll

Bergmann Matthias 12. März 2012 Lemi - Kolumne Keine Kommentare
Nachts in der Favela – Teil lll

Der Forróladen war ziemlich klein und primitiv – eigentlich nichts Besseres als eine Imbissbude. In der Ecke stand ein Musikautomat, über dem eine überdimensionale Box aufgehängt war, die nicht nur den Tanzladen, sondern auch gleich den Rest der Straße mit beschallte. Ich steuerte direkt auf die Theke zu und orderte ein Bier. Als ich in meine Tasche griff, bemerkte ich, dass ich lediglich einen 50-Reais-Schein bei mir hatte. Den gewechselt zu bekommen, war in Brasilien meist ein größerer Akt. Bevor man sein Wechselgeld bekam, durchlief der Schein die Hände aller Geschäftsinhaber der näheren Umgebung, bis irgendwann einer von ihnen in die Gnade verfiel, ihn zu wechseln. Nicht so in meiner Forróbude. Ohne zu murren bekam ich die 47 Reais Wechselgeld und die 0,6-Liter-Flasche Bier der Marke »Antarctica« ausgehändigt. Ich war also nicht gleich am Anfang negativ aufgefallen. Meine Gedankenspiele sagten mir, dass sich das sicherlich noch ändern würde, spätestens wenn ich der ersten Dame beim Forró tanzen auf den Füßen herumtrete. Ich liebte es, Forró zu tanzen. Als steifer Mitteleuropäer konnte man jedoch noch so viele Tanzstunden nehmen, doch selbst den Hüftschwung eines nur mittelprächtigen, brasilianischen Tänzers erreichte man nie.
Ich zog vor, mit meiner ersten Tanzeinlage etwas zu warten. Ich war fremd, musste die Lage peilen und wissen, wer zu wem gehörte, vor allem aber, wie meine Anwesenheit wahrgenommen wurde. Überraschenderweise dauerte es gar nicht lange bis eine nicht mehr allzu junge Dame mich ansprach.
»Du bist zum ersten Mal hier, oder?«
»Ja, mein Name ist Lemi. Und wie heißt du?«
»Mary.«
»Angenehm.«
Mit dieser Höflichkeitsfloskel hatte sie offenbar nicht gerechnet. Auch nicht damit, dass ich mich gleich mit meinem Namen vorstelle. Sie wurde plötzlich weniger hart in ihrem Gesichtsausdruck.
»Warum kommst du um Gottes Willen allein hier her?«
»Ich habe noch keine Freunde. Bin neu in der Stadt.«
»Aber wieso gerade hierher?«
»Weil ich gleich um die Ecke wohne. Und meine reichen Nachbarn kriegen nicht mal ein ›Guten Morgen‹ aus ihrem versteinerten Mund, wenn ich ihnen früh im Fahrstuhl begegne. Wie soll ich mich mit denen anfreunden?«

Sie lachte. Ihre Augen strahlten plötzlich Sympathie aus. Offenbar galt sie mir, hielt aber nicht lange an, denn ein paar Sekunden später stand ein leicht untersetzter Mann neben ihr und tätschelte an ihren Hüften. Er kam gerade vom Klo zurück und schaute argwöhnisch zu mir und seiner Frau, die sich gerade auf ein Gespräch mit einem fremden Mann namens Lemi eingelassen hatte. Ich wiederholte die gleiche Prozedur wie soeben mit seiner Frau und stellte mich mit »Lemi« vor. Ihm reichte ich noch die Hand.
Auch er war sichtlich überrascht, vielleicht sogar verwirrt, über die für ihn wohl ungewöhnlich direkte freundliche Begrüßung. Um nicht wieder dasselbe Vorurteil zu hören, dass ich hier fehl am Platze sei, erzählte ich ihm auch gleich, dass ich gerne tanze und keinen besseren Platz als den hier gefunden hatte. Sein fragender Blick durchbohrte mich trotzdem weiterhin. Ich wusste natürlich weshalb. Ich stand mit seiner Frau da, so als wäre sie das von mir auserwählte »Opfer« für diesen Abend. Ich wand mich aber relativ geschickt aus dieser brenzligen Situation, in dem ich ihn fragte, ob es denn keine ledige Dame hier gäbe, die nach einem Tanzpartner sucht. Er antwortete ziemlich flapsig.
»Frag doch meine Frau! Die kennt die Mädels hier besser als ich!«
Somit hatte ich mir wieder das Recht erworben, mit seiner Frau Mary zu kommunizieren, was mir sowieso lieber war. Aber auch die merkte, dass ihr Typ gerade dabei war, seine Laune zu verschlechtern, weswegen sie mir in ein paar kurzen Sätzen klar machte, dass ich mich an die Dame in den schwarzen Hotpants halten sollte…
Ich war etwas überrascht. Ausgerechnet sie war nämlich die Hübscheste unter den Damen auf der immer noch recht übersichtlich gefüllten Tanzfläche des Favela-Forrós. Ich wurde etwas zögerlich, wollte sie nicht gleich direkt anquatschen. Irgendwie konnte ich mir nicht ausmalen, dass ausgerechnet die am meisten meinem Geschmack treffende Dame ohne männliche Begleitung unterwegs sein sollte.
Ich beobachtete sie ein wenig. Sie war mittelgroß, hatte eine ziemlich dunkle, aber keine schwarze Hautfarbe und sehr runde Gesichtszüge. Ihre Haare waren nach hinten zusammengebunden und offenbarten ihre afrikanischen Wurzeln. Sie waren trotz reichlich Gel immer noch sehr drahtig. Ihre Augen waren wie bei fast allen Brasilianern kastanienbraun, aber leicht mandelförmig. Unter ihrer recht losen Bluse verbarg sich ein wohlproportionierter, mittelgroßer Busen. Gleiches konnte man von ihrem Hinterteil sagen, das weder zu klein noch zu groß geraten war. Ihre Bewegungen waren nicht sehr elegant, vielleicht sogar etwas tapsig. Scheinbar hatte sie Schwierigkeiten, in ihren hochhackigen Absatzschuhen zu laufen.
Besonders markant war ihr Lachen. Und sie lachte fast die ganze Zeit. Sie strahlte eine positive Energie aus. Offenbar kannte und mochte sie jeder in der Bar. Allein sie schien für die gute Laune in dem Tanzschuppen verantwortlich zu sein. In den letzten 15 Minuten, in denen ich sie beobachtet hatte, war ich der Einzige, mit dem sie nicht geplaudert hatte. Doch meine Stunde kam noch, und sie kam überraschend. Ich brauchte nicht einmal lange zu warten.
Da ich nichts anderes hatte, hielt ich mich vorläufig an meiner Flasche Bier fest. Plötzlich tänzelte die Dame in Schwarz direkt vor mir herum und schaute verführerisch lächelnd in meine Richtung. Ich schnallte es nicht gleich. Aber es war eine direkte Aufforderung mit ihr zu tanzen. Ich raffte mich auf, denn schließlich war es ja genau das, was ich wollte … mich vergnügen.
Die ersten Tanzschritte trampelte ich natürlich ungeschickt wie ein Pferd auf ihren Füßen herum. Doch ich fand den Forró-Rhythmus, Gott sei Dank, relativ schnell wieder. Er war ja auch denkbar einfach: Eins-Zwei-Drei-Eins-Zwei-Drei … wobei der dritte Schritt nach zwei kurzen etwas länger ausgeführt wurde. Genau dieser schnelle Rhythmuswechsel zwischen zwei Schritten machte uns Europäern zu schaffen. Über den uns fehlenden Hüftschwung fand ich keine andere medizinische Erklärung, als das die Brasilianer mit einem zusätzlichen Hüftgelenk ausgestattet worden sind. Oberkörper und Hinterteil schienen sich bei ihnen losgelöst voneinander bewegen zu können. Genau dieser Hüft-schwung war dafür verantwortlich, ihren Tanz erotisch anmuten zu lassen. Und das galt für Frauen und Männer gleichermaßen. Wenn beim Forró Mann und Frau übergangslos ineinander verschmolzen und ihren Bewegungen freien Lauf ließen, war ich mir sicher, dass sie an nichts anderes als Sex dachten.
Leider hatte ich momentan keine Zeit, über die Ursprünge der lateinamerikanischen Tanzkultur zu philosophieren. Ich hatte gerade eine ziemlich attraktive junge Dame in meinen Fängen und alle Hände voll zu tun, meine Beine zu koordinieren. Und zwar so, dass ich weder mich noch mein Heimatland blamierte.
Endlich hatte ich mich mit der ganzen Tanzerei soweit im Griff, dass ich meine Partnerin auch mal etwas fragen konnte. Schnell bekam ich heraus, dass sie Rosa hieß und 21 Jahre alt war. Oh Gott! Das war genau die Hälfte meines Alters! Ich hätte sie, ehrlich gesagt, auf ein paar Jahre älter geschätzt, und als ich ihr mein Alter beichtete, sagte sie mir glücklicherweise das Gegenteil. So gesehen passten wir, trotz des großen Altersunterschieds auf dem Papier, nun doch wieder etwas besser zusammen.
Vorläufig tanzten wir noch den Forró-Grundschritt, und nachdem ich ein paar Worte mit Rosa gewechselt hatte, wollte ich ihr auch noch den Rest zeigen, den ich vor etlichen Jahren in der Tanzstunde gelernt hatte. Doch Rosa wollte nicht. Stattdessen zog sich mich etwas fester an sich heran und flüsterte mir ins Ohr: »Lemi, so tanzt man Forró!« Ich bemerkte, dass die Rose – genau dies bedeutete nämlich ihr Name in Deutsch – keine Stacheln, sondern eine sehr weiche und glatte Haut hatte …
Nach dem Tanz verschwand Rosa recht schnell und ließ mich mit Schweißperlen auf der Stirn zurück. Wieder spürte ich das Adrenalin in meinen Adern zirkulieren. Aber diesmal dachte mein Steuerorgan ganz bestimmt nicht an Flucht.
Rosas überraschender Besuch war, wie ich es schon vorher bei ihren Bekannten beobachtet hatte, nur eine Stippvisite. Um ehrlich zu sein … eine recht angenehme. Zumindest hatte sie im Unterschied zu den anderen Männern, eine Runde mit mir getanzt. Aber ich bildete mir nicht allzu viel darauf ein. Es war sicher nur ein Test. Ich widmete mich einer neuen Flasche Bier (schließlich hatte ich beim Tanzen etwas Flüssigkeitsverlust erlitten) und machte eigentlich nichts anderes, als vorher: Ich schaute in die Runde und ließ die Zeit verstreichen. Es passierte nichts Besonderes, was nicht auch an einem x-beliebigen anderen Platz hätte ablaufen können, schon gar nichts Abenteuerliches. Die Leute vergnügten sich, tranken und lachten miteinander. Einzig und allein ICH kam mir wie ein Fremdkörper vor. Doch offensichtlich interessierte sich jemand für diesen Fremdkörper …

Fortsetzung folgt …

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About The Author

Matthias Bergmann ist Eisenhütteningenieur und lebt seit 1994 in Brasilien. Neben seiner Tätigkeit in der brasilianischen Eisenerzindustrie unterstützt er ehrenamtlich ein von ihm initiiertes Kinderhilfsprojekt in einer der größten Favelas der Millionenstadt Belo Horizonte.

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