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Inside Favela

Nachts in der Favela – Teil ll

Bergmann Matthias 12. März 2012 Lemi - Kolumne Keine Kommentare
Nachts in der Favela – Teil ll

Obwohl ich zu Fuß sicherlich etwas verletzlicher war als noch kurz zuvor bei meiner Durchfahrt im Auto, fühlte ich mich aufgrund der vielen Menschen um mich herum, die offenbar allesamt die Absicht hatten, sich zu vergnügen, relativ sicher. In der Hoffnung auf neue Kontakte setzte ich mich einfach in die am besten besuchte Bar. Ich hatte einen Bärenhunger und so bestellte ich mir außer einem Bier gleich eine Portion Grillfleisch, das auf einer heißen Eisenplatte serviert wurde. Ich schaute ein wenig in die Runde, genoss die Fleischhäppchen und fing an, mich zu entspannen. Am Nachbartisch saßen zwei unbegleitete Damen, am Tisch gegenüber sogar fünf Damen mit zwei Männern. Eine recht eigenartige Verteilung, zumindest aber herrschte Frauenüberschuss, was mir natürlich behagte. Nach einer Weile stand ich auf und ging zum Barkeeper. Ich fragte ihn, ob ich mein Bier an der Theke trinken könnte. Er bejahte und ich blieb. Nicht ganz uneigensinnig beabsichtigte ich, ihn ein wenig über das Abendprogramm in der Favelinha auszufragen. Er wirkte gelangweilt. Also zögerte ich nicht lange.
»Wohnst du hier in der Favelinha?«
»Klar. Und du? Hab dich hier noch nie gesehen?«
»Ich wohne nebenan. In Recreio.«
»Tote Hose dort, was?«
»Ja, scheint so. Deswegen bin ich zu euch gekommen. Vielleicht kannst du mir ja ein paar Tipps geben!?«
»Hast du keine Angst? Hier kommt doch sonst keiner von euch her.«
»Muss ich etwa Angst haben?«
»Nein, aber ich kenne euch doch. Ihr habt alle Angst vor den Favelas. Ihr denkt doch, dass hier nur Verbrecher und der Abschaum wohnen.«
»Na, na … übertreib mal nicht!«
»Bist du Gringo?«
»Deutscher.«
»Ah … fast hätte ich’s nicht bemerkt. Er lachte spöttisch. Und was willst du hier?«
»Einfach nur ausgehen und mich ein bisschen vergnügen.«

Diesen Spruch hatte mir Grace auf unseren Touren durch Rios Favelas regelrecht eingetrichtert, so dass er bei mir mittlerweile wie aus der Pistole geschossen kam. Er sollte meine Harmlosigkeit zum Ausdruck bringen. Und prompt funktionierte er auch wieder…
»Dann geh mal die Straße dort vorne rechts rein! Weiter hinten, an der Pizzeria, fragst du nach dem Forró. Der fängt so gegen 10 an. Hast also noch ein bisschen Zeit und kannst noch ein Bier bei mir trinken.«
»Prima. Stört es dich, wenn ich hier an der Theke bleibe?«
»Du kannst bleiben, wo du willst. Ist deine Sache.«
»Machst du auch Caipirinha?«
»Klar.«
»Welchen Schnaps nimmst du?«
»51.«
»Hm … dann bleib ich lieber beim Bier. Vielleicht wird die Nacht ja lang und ich will einen klaren Kopf behalten.«
Er grinste wieder.
»Typisch für euch von ›draußen‹. Der billige Fusel ist euch nicht gut genug. Wir trinken das Zeug, weil wir uns nichts Besseres leisten können und auch nicht wollen. Man gewöhnt sich an alles, wenn man muss.«
»Was soll ich sagen? Du hast Recht.«

Das ist wahrscheinlich wie mit den Mücken, dachte ich in meinem Hinterstübchen, wagte es aber nicht auszusprechen.
»Wo arbeitest du eigentlich? Auf einer Ölplattform bei der Petrobrás?«
»Nein. Ich bin für ein paar Monate in dem neuen Stahlwerk in Santa Cruz.«
»Santa Cruz! Dort hatte ich mal eine Freundin. Aber auf die Dauer war mir das zu stressig. Ist zu weit weg.«
»Ja, die Fahrerei ist ziemlich übel. Aber was soll ich machen? Ich kann’s mir nicht aussuchen. Irgendwann gewöhnt man sich daran. Ist genau wie bei dir mit dem Billigfusel.«
Diesmal grinste ich.

Ich bestellte ein letztes Bier. Unser ziemlich flaches Gespräch war beendet. Zumindest hatte ich alles erfahren, wonach ich gesucht hatte. Eine Ausgehmöglichkeit. Und sei sie noch so einfach. Ich schaute noch etwas in den Fernseher, der in einem Wandgestell hing. Das Abendprogramm war das Übliche: Nachrichten, Telenovelas und dann auch noch »Big Brother«. Es wurde Zeit, dass ich aus dieser Einöde verschwand. Ich zahlte die drei Biere und den Fleischteller, staunte über die billige Rechnung, und setzte mich der Wegbeschreibung des Barkeepers folgend Favela einwärts ab.

Irgendwie fühlte ich mich in den Straßen der Favela wie auf dem Dorf. Man sah die modernen Apartmenthochhäuser Recreios nicht mehr. Wenn es nicht gerade nach Essen roch, drang der stechende Schwefelwasserstoffgeruch der Abwassergräben, die quer durch Favelinha verliefen, in die Nase. Ein frisch gejauchter Acker stank auch nicht viel anders.
Es war bereits kurz nach zehn. Auf der Straße herrschte noch Hochbetrieb. Kinder rannten über die Straße, Jugendliche lungerten auf dem Bürgersteig herum, Erwachsene unterhielten sich lauthals. An einer drei Quadratmeter großen Werkstatt, in der auch um diese Zeit noch Uhren repariert wurden, fragte ich nach dem Forró. Der hagere Mann mit dem unrasierten Gesicht, der eingezwängt zwischen drei Wänden und der Ladentheke auf einem Stuhl saß, machte keine großen Anstalten. Mit einem Wink machte er mir klar, dass ich an der nächsten Gabelung rechts abzubiegen hatte. Ich folgte seiner wortlosen Anweisung. Kurz nachdem ich in die Gasse einbog, wurde ich von einer Horde Jugendlicher angequatscht. Ich verstand den Wortführer nicht richtig und fragte deshalb sicherheitshalber noch mal nach, was er von mir wollte. Aber ich hatte schon richtig verstanden … er wollte mir etwas verkaufen. Und es war bestimmt keine Eintrittskarte für den Forró, denn der war, wie ich kurze Zeit später feststellte, kostenlos. Er fragte, ob ich »Bagulho« wollte. Ich kannte das Wort nur aus Filmen. Es bezeichnete eigentlich keine spezielle Drogensorte, sondern bedeutete einfach nur »Stoff«. Ich lehnte höflich ab und fragte vorsichtshalber lieber noch einmal nach, ob ich weitergehen könnte. Ich war mir nicht besonders sicher, ob die schlecht beleuchtete Gasse, in die ich gerade einzubiegen versuchte, wirklich die sicherste war. Doch die Jungs winkten mich durch.
»Geh, geh, geh«.
Bis zum Forró waren es noch ein paar kurze Straßenzüge. Da ich nun mitten in der Favela war und der Kontrolltrupp das abgesegnet hatte, verspürte ich, obwohl ich allein unterwegs war, keinerlei flaues Gefühl im Magen. Ich fühlte mich wie damals, als ich vor dem alten Gebäude der Sambaschule »Imperatriz« am Fuß der Riesenfavela »Complexo do Alemão« stand. Der Vergleich hinkte natürlich gewaltig. Die Dimensionen beider Favelas konnten unterschiedlicher nicht sein. Im Unterschied zum »Complexo do Alemão« drang die kleine Favelinha nie in die Boulevardblätter vor, die es liebten, von Mord und Totschlag auf ihren Titelseiten zu berichten. Rein theoretisch befand ich mich also auf sicherem Terrain. Mein Nebennierenmark sah das allerdings anders. Je tiefer ich in die Favela eindrang, desto unentwegter schüttete es Adrenalin in meine Blutbahn. Auf diese Art wurde mein Körper unfreiwillig in die Lage versetzt, seine Herzleistung zu verbessern und auf schnellstem Wege Energiereserven freizusetzen. Ich selber wusste nicht, wozu ich es brauchte. Ich spürte es lediglich an der Gänsehaut auf meinem Rücken und der übermäßigen Schweißproduktion unter meinen Achseln. Doch meine Sensoren, die soeben die Nebennierentätigkeit aktiviert hatten, wussten genau, worauf ich vorbereitet werden sollte: FLUCHT, oder im schlimmsten Falle KAMPF!

Fortsetzung folgt …

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About The Author

Matthias Bergmann ist Eisenhütteningenieur und lebt seit 1994 in Brasilien. Neben seiner Tätigkeit in der brasilianischen Eisenerzindustrie unterstützt er ehrenamtlich ein von ihm initiiertes Kinderhilfsprojekt in einer der größten Favelas der Millionenstadt Belo Horizonte.

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