Saturday 18th November 2017,
Inside Favela

Nachts in der Favela – Teil I

Bergmann Matthias 3. März 2012 Lemi - Kolumne Keine Kommentare
Nachts in der Favela – Teil I

August 2010, Rio de Janeiro, Recreio

Ich entschloss mich zu einen Nachtausflug in die Favelinha, wie ich das Agglomerat aus kleinen Favelas liebevoll nannte. Es hatte sich mitten im Nobelstadtbezirk Recreio gebildet. Ich kannte es, weil es sich direkt auf dem Weg von der Baustelle zu meiner Wohnung befand, und ich mich gleich an meinem ersten Abend im dortigen Fitnessstudio angemeldet hatte. Trotz seiner Lage mitten in einem Armenviertel war die Kundschaft eindeutig der besser verdienenden Klasse zuzuordnen. Dies ließ sich nicht zuletzt an der Hautfarbe erkennen, die überwiegend weiß war, höchstens hellbraun. Auch der Monatsbeitrag, der immerhin ein Drittel des brasilianischen Mindestlohns betrug, förderte diese unnatürliche Selektion. Nachdem ich das Fitnessstudio verlassen hatte, fuhr ich in meinem roten Gol durch die kleine Favela und bog nach 500 Metern auf die Strandallee in Richtung meiner Wohnung ein. Die Verlockung war groß, auf ein Bier in eine der schummrig-schmuddeligen Kneipen oder Karaoke-Bars einzukehren. Doch ich fühlte mich zu schlapp und schlief an den ersten Abenden regelmäßig vor zehn Uhr vorm Fernseher, meist noch bei der ersten Büchse Bier, ein.
Heute war das anders. Da ich mir einbildete, die Favelinha durch meine allabendlichen Fitnessstudiobesuche schon recht gut zu kennen, wollte ich dort meinen Abend verbringen. Nicht stand mir mehr im Wege. Ich fühlte mich fit, und die Favelinha war so nah, dass ich zu Fuß hin gehen konnte. Das Wetter war einigermaßen stabil, und so nahm ich die Strandpromenade vorbei an den Wachtürmen der Rettungsschwimmer, die von 1 bis 12 durchnummeriert waren. Meine Wohnung befand sich direkt gegenüber des Posto 9. Bis zum Posto 12, der sich in der Nähe des Eingangs zur Favelinha befand, waren es keine zwei Kilometer.
Ich genoss zum ersten Mal die Meeresbrise und das Geräusch der starken Brandung des atlantischen Ozeans. An einer der Strandbaracken saßen ein paar ältere Herren und spielten Karten. An einer anderen servierte der Kellner frittierten Fisch, Tintenfischringe und frische Kokosmilch. Entlang der Strandpromenade führte eine Fitnessmeile. Ein paar Jogger kamen mir entgegen, denen ich mit gutem Gewissen in die Augen schauen konnte, denn ich hatte meine Trainingseinheit bereits hinter mir und fühlte mich in guter körperlicher Verfassung. Grüppchen junger Mädchen, aber auch älterer Damen waren ebenfalls auf der Joggingmeile unterwegs. Weniger der Fitness wegen, sondern eher, um den Alltagstratsch auf den aktuellen Stand zu bringen, die neu erworbenen Fitnessklamotten und überdimensionalen Markensonnenbrillen, die um diese Tageszeit ganz bestimmt nicht mehr notwendig waren, vorzuzeigen.
Am Kreisverkehr vor dem Posto 12 verließ ich die Flaniermeile Rios Oberschicht, und bog in Richtung Favela ab. An einer Ampel überquerte ich die breite Hauptstraße landeinwärts. Es war die letzte Ampel, denn in Favelas gab es keine Ampeln mehr. Auch die Zebrastreifen auf den immer enger werdenden Straßen verschwanden. Dafür schien es bedeutend mehr Strom in der Favela zu geben, als irgendwo anders in der Welt. Nie zuvor hatte ich so viele Kabel gesehen, die sich von den Strommasten in die einzelnen Gassen verteilten. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass dieses Chaos das Werk eines Elektrikers war.
Das Straßenbild änderte sich.
Anstatt Nobelkarossen befanden sich einfach nur Menschen auf der Straße. Ab und zu knatterte ein Motorrad durch die Gassen und verscheuchte die streunenden Hunde, von denen es so viele gab, dass man den Eindruck bekam, sie vermehrten sich noch schneller, als die Favela-Bevölkerung. Ihre Nahrungsgrundlage waren die Müllhaufen, die man in der Favela an jeder Straßenecke sah. Allerdings mussten sie sich die Knochen und Fleischreste mit den Aasgeiern teilen. Auch die liebten die frei herumliegenden Überreste menschlicher Mahlzeiten und hatten die Favelas als bevorzugten Jagdgrund für sich entdeckt.
Das Licht der Straßenbeleuchtung war jetzt nicht mehr so grell wie noch auf der neonbeleuchteten Strandpromenade. Es hatte einen gelblichen Ton. Er wirkte warm, fast wohltuend. Es vermischte sich mit den terrakottafarbenen Ziegelsteinen der unverputzten Backsteinhütten und erzeugte einen Farbton, der die Favela nachts unverwechselbar machte.
Das Leben um mich herum hatte sich komplett verändert, seitdem ich die Favela betreten hatte. In den unzähligen kleinen Bars, in die selten mehr als drei, vier Gäste passten, wurde nicht mehr Karten gespielt, sondern einfach nur getrunken und lauthals gelacht. Die Tische waren nicht mehr aus Holz, sondern aus dünnem Blech oder billiger Plastik. Die Wände waren mit Werbepostern der einschlägigen Bierlieferanten beklebt. In der Ecke hing ein 14-Zoll-Fernseher in einem Wandgestell. Wenn er angeschaltet war, lief eine der unzähligen Telenovelas oder ein Fußballspiel. Falls nicht, brüllte basslastige Funkmusik oder schnulziger Forró aus der Musikbox. Dass die extrem enge Toilette völlig versifft war, juckte hier niemanden. Man war froh, dass es eine gab. Im Haus nebenan hing Wäsche über dem Stacheldrahtzahn zum Trocknen. Dahinter stand ein junges, dunkelhäutiges Mädchen. Ich schätzte sie auf höchstens 13. Ihr Lächeln war verheißungsvoll, ihr Blick verführerisch. War es der verzweifelte Versuch, über eine lukrative Männerbekanntschaft aus der Armut auszubrechen? Ich meinte nicht besonders wohlhabend auszusehen, tat aber vorbeugend trotzdem so, als ob ich sie nicht bemerkte und ging weiter. Ich musste aufpassen, nicht in Hundescheiße zu treten. Sie verzierte das Straßenbild und drohte, mit jedem Schritt das Profil der Schuhsohle zu füllen.
Die Menschen wirkten kleinwüchsig. Lag es an ihrer Abstammung oder der einseitigen Ernährung mit kalorienreichen, meist ungesunden Billignahrungsmitteln? Natürlich waren sie dunkelhäutiger als die Menschen, denen ich vor ein paar Minuten auf der Joggingmeile der Strandpromenade begegnet war. Nein, es war kein Vorurteil. Die von der Armut betroffenen Menschen waren in ihrer Mehrheit Schwarze. Oder zumindest sehr dunkelhäutig. Ihr Ursprung lag in Afrika. Im 18. Jahrhundert wurden sie massenhaft von den portugiesischen Kolonialherren als Sklaven aus Afrika eingeschifft. Jetzt, 300 Jahre später, versuchten die Frauen mit heißen Plätteisen und über den Kopf gestülpten Damenstrumpfhosen ihr afrikanisches Kraushaar zu glätten. Glattes Haar galt in Brasilien als schick. Das betraf alle Klassen. Doch die Natur wehrte sich. Mit jedem Regenguss gab sie den Frauen ihre afrikanischen Wurzeln zurück.
Ich kam in eine Straße voller Geschäfte.
Rechter Hand sah ich einen kleinen Friseurladen und einen Videoverleih, der sich ausschließlich auf Raubkopien aktueller Kinofilme spezialisiert hatte. Dass dies illegal war, interessierte weder den Ladenbesitzer noch die ab und zu vorbeifahrende Polizeistreife. Mir war es, ehrlich gesagt, auch egal.
Es folgte eine Drogerie, ein Obstmarkt und eine weitere Drogerie. Es gab einen Fernsehreparaturdienst, in dem sich Fernseher stapelten, die ich aus meiner frühesten Kindheit kannte. Das war jetzt über 30 Jahre her. In einem Laden namens »S.O.S. Celular« wurden Handys repariert. Auf der linken Seite befanden sich ambulante Händler, die unter Holzgestellen und riesigen Planen ihre Waren feilboten. Meist war es Bekleidung. Mir gefiel sie nicht besonders. Sie sah abgetragen aus. Einzig und allein die Babysachen waren niedlich und luden aufgrund der extrem niedrigen Preise zum Kauf ein. Überhaupt war alles sehr billig. Der letzte Harry-Potter-Film auf schwarz gebrannter DVD kostete nur drei R$. Das war etwas mehr als ein Euro. An den Fressbuden kostete eine Pizza nur 6 R$. Drei mit Hackfleisch oder Käse gefüllte Teigtaschen plus einer Cola wurden für 1,50 R$ angepriesen. Ich erinnerte mich unweigerlich an meinen letzten Durchfall wegen zu altem Frittenöl. Auch Fahrräder konnte man in der Favelinha reparieren lassen oder sogar neu kaufen. Ein paar Meter weiter folgte ein Fleischer, dann eine Bäckerei, die das Wechselgeld in Form von Bonbons herausgab und ein Laden voller aus China importiertem billigem Krimskrams, der schon beim genauen Hinblicken in seine Einzelteile zerfiel.
Nur Läden mit Hunde- und Katzenfutter fand ich nicht. Haustiere hatten in der Favela gefälligst die Speisereste zu fressen. Wenn vom Essen nichts übrig blieb, wurden sie auf die Straße geschickt.
Im Prinzip gab es hier alles, was man zum Leben brauchte. Natürlich auch das, was man nicht unbedingt brauchte. Aber das war ja »draußen« auch nicht anders.
Auf den ersten Blick passte ich mit meiner Anzugsordnung erstaunlich gut ins Straßenbild. Ich hatte eine Jeanshose, ein nicht gerade auffälliges T-Shirt und Adidas-Turnschuhe an. Ja, selbst letzteres war in der Favela normal. Wahrscheinlich war es bei den Favela-Bewohnern nicht immer Originalware, aber das war egal. Man sah den Unterschied nicht wirklich, und meine Schuhe waren schließlich auch in Indonesien hergestellt worden. Das war gar nicht so weit weg von China. Was soll´s also?
Lediglich ein paar »Accessoires« fehlten mir, die mich dann doch etwas von einem Favela-Bewohner unterschieden. Sie trugen auffällige Halsketten, Ringe im Ohr und hatten dünne Bändchen mit drei Knoten um den Puls gebunden. Wenn sich alle drei Knoten gelöst hatten und das Band vom Arm fiel, hatte man einen Wunsch frei …
Basecaps waren ebenfalls in Mode – meist Falsifikate der Marken »Billabong« oder »Quicksilver«. Also nichts, was ich nicht auch benutzen konnte. Einen kleinen, unabänderlichen Unterschied gab es dann aber doch. Ich hatte zwar kein blondes, aber relativ helles Haar, was sich wesentlich vom Einheitsschwarz der Favela-Bevölkerung unterschied. Doch das schlimmste war die Farbe meiner Augen. Sie waren blaugrün und zogen alle Blicke magisch auf mich. Allein durch sie wurde ich zum »bunten Hund« in der Favela. Der Versuch, seine wahre Identität zu verbergen und sich als »Favelado« zu tarnen, war also der reinste Schwachsinn.

Fortsetzung folgt …

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About The Author

Matthias Bergmann ist Eisenhütteningenieur und lebt seit 1994 in Brasilien. Neben seiner Tätigkeit in der brasilianischen Eisenerzindustrie unterstützt er ehrenamtlich ein von ihm initiiertes Kinderhilfsprojekt in einer der größten Favelas der Millionenstadt Belo Horizonte.

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