Wednesday 23rd August 2017,
Inside Favela

Mal wieder ein Mord in Rio …

Bergmann Matthias 27. April 2014 Drugs + Crime Keine Kommentare
Mal wieder ein Mord in Rio …

… als ob das was Besonderes wäre!?

Im Angesicht der anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien schlachtet die internationale Presse den Vorfall um den Tänzer mit dem Spitznamen DG so aus als hinge nun die gesamte Sicherheit der Touristen, Spieler und Fifa-Funktionäre davon ab.

Das ist natürlich vollkommener Blödsinn (auf neudeutsch: Bullshit). Der 26-jährige Douglas Rafael da Silva Pereira wurde in einer Favela mit einer Kugel im Rücken aufgefunden. In Brasilien, vor allem in Rio, passiert so etwas jeden Tag, eigentlich sogar stündlich. Schliesslich gibt es Statistiken und genau diese sagen, dass in Brasilien jährlich 50.000 Morde passieren, 137 pro Tag. Dass Rio dabei mit seinen 7 Millionen Einwohnern und geschätzten 1.000 Favelas ein großes Stück vom Kuchen abbekommt, kann sich auch der Nicht-Statist sicherlich gut vorstellen. Ältere Statistiken behaupten, dass sich in Rio allein 20 Morde pro Tag ereignen, von denen wiederum ein Großteil aus den Kämpfen rivalisierender Drogenkartelle stammt, sozusagen favela-interne Machtkämpfe.

Nun ja, man sollte meinen, dass ein Tänzer mit einem Vertrag beim größten und mächtigsten TV-Sender Brasiliens zumindest in einem mittelständischen, gut bürgerlichen Stadtviertel Rios wohnt und damit die Schüsse maximal aus der Entfernung hört. Ganz so scheint es aber nicht zu sein. Die Wurzeln des Tänzers liegen in seiner Todesfavela und sooo bekannt war der Tänzer nämlich auch nicht, wie die Presse ihn derzeit hochjubelt. Keine Ahnung, aber sein Gehalt dürfte sich nicht wesentlich von dem der Bühnen-Reinigungskräfte unterscheiden, die allesamt nach der Show mit dem Bus in ihre Favela zurückfahren. Kein Grund also zu glauben, dass ein TV-Tänzer der dritten Reihe nicht in einer Favela haust und sich dort unter Umständen sogar ein Zubrot mit mehr oder weniger illegalen Geschäften verdient oder vielleicht noch alte Rechnungen aus seiner weniger illustren Vorzeit als simpler Favela-Bewohner offen hat?

Schweife ich vielleicht etwas zu weit aus?

Sollte man der Globo-TV-gesteuerten Presse glauben, ist das, was ich hier von mir gebe, alles unglaublich und absurd. Aber ein Schuss in den Rücken eines Favela-Besuchers ist schon merkwürdig. War er etwa auf der Flucht? Und vor wem? Wer schiesst in der Favela? Doch nur die Polizei und die Banditen der Drogengangs … Die alles entscheidende Frage ist doch: Flüchtete der Samba-Tänzer vor der Polizei (und wenn ja, aus welchem Grund) oder war sein Tod ein banaler Racheakt eines zugekifften Drogendealers, wie er tagtäglich mehrfach in Rio passiert?

Parallel-Medien behaupten, dass DG in den Drogenhandel der Favela Pavao-Pavaozinho verwickelt war. Fotos von DG mit einem Maschinengewehr in Pose kursieren durch das Internet. Ist also doch alles wie gehabt? War er nur einer von vielen Opfern des Drogenbandenkriegs in Rio de Janeiro? Hoffen wir auf eine von der Presse und TV freie polizeiliche Aufklärung des Mordes. Viel Hoffnung sollte man aber nicht haben, denn Brasiliens Polizei schafft es gerade mal 7% der 50.000 Morde pro Jahr aufzuklären. Scheiss Statistik …

Auf alle Fälle gibt es keinen Grund wegen eines Mordes in Rio de Janeiro ein internationales Pressedrama zu inszenieren.

P.S.: Pavao-Pavaozinho ist eine von Rios 37 befriedeten Favelas …

Fotoquelle: “O dia”

Like this Article? Share it!

About The Author

Matthias Bergmann ist Eisenhütteningenieur und lebt seit 1994 in Brasilien. Neben seiner Tätigkeit in der brasilianischen Eisenerzindustrie unterstützt er ehrenamtlich ein von ihm initiiertes Kinderhilfsprojekt in einer der größten Favelas der Millionenstadt Belo Horizonte.

Leave A Response

*