Tuesday 24th October 2017,
Inside Favela

Kriminalität in Rio

Bergmann Matthias 8. April 2014 Drugs + Crime Keine Kommentare
Kriminalität in Rio

Scheinbar ein Faß ohne Boden … von Diebstählen, organisiertem Drogenhandel, Mord und Totschlag hört man tagtäglich in den Nachrichten. Doch die Kriminellen scheinen keine Grenzen in ihrem Erfindergeist zu kennen. Ich würde es ja noch einigermaßen verstehen, wenn sie ein Stück vom großen Kuchen der reichen und korrupten Politiker abzwacken würden – aber nein – es sind mal wieder die Armen und Hilfsbedürftigen, die ausgenommen, gefoltert und ermordet werden.

Das staatliche Wohnungsbauprogramm “Minha Casa – Minha Vida” (dt: Mein Haus – Mein Leben) baut große Arbeitersiedlungen, wo Mindestlohnempfänger zu günstigen Konditionen Häuser erwerben können. Raus aus der Favela und rein in eine richtige Wohnung mit Strom, sauberem Wasser und einem vertrauenswürdigen Abwassersystem! Doch das Glück währt nicht lange … zumindest nicht in Rios Westzone, wo die Milizen ein dickes Geschäft mit den Neubauten wittern.

Die Milizen haben sich im Laufe der letzten 20, vielleicht auch 30 Jahren gebildet und setzen sich aus ehemaligen Polizisten, pensionierten Militär und Feuerwehrleuten zusammen, die allesamt ihre alten Verknüpfungen mit den örtlichen Politikern pflegen und gut bewaffnet sind. Vor allem im Westen Rios haben sie es geschafft, ganze Favelas von den Drogendealern zu befreien, um dort ihr eigenes Schutzgeldsystem aufzubauen. Seitdem breiten sie sich wie ein Spinnennetz über Rio aus und machen auch vor den Neubauten des Staates kein Halt.

In der letzten Sonntagsausgabe des Programms “Fantastico” berichtet TV Globo ausführlich anhand von Zeugenaussagen und Telefonaten, dass Bewohner der Vororte Campo Grande und Santa Cruz mit Gewalt aus ihren Wohnungen verwiesen wurden, weil sie die geforderten Schutzgelder der Miliz nicht zahlen wollten. Die frei werdenden Wohnungen werden auf dem Wohnungsmarkt von gefakten Immobilienmaklern für ca. 20.000 Euro weiterverkauft. Das Geld streicht sich die Miliz ein. Andere Bewohner beschweren sich über “Gebühren” für Strom, Gas und Wasser, die astronomische Höhen erreichen. Falls die Bewohner nicht zahlen, fliegen sie aus der (eigenen) Wohnung. Wieder verkauft die Miliz …

Gemäß TV Globo gibt es bereits 256.000 solcher Anzeigen gegen die Machenschaften der Miliz.

Im Stadtbezirk Senador Camara in Santa Cruz fielen 50 Familien auf einen Betrüger der Stadtverwaltung namens Bruno rein. Er behauptete, bei einer Vorschusszahlung von 5.000 R$ die Verteilung der Wohnungen zugunsten der zahlenden Anwärter zu beschleunigen. Nichts von alledem geschah. Das Geld verschwand samt dem Angestellten der Stadtverwaltung. Nachforschungen ergaben, dass Bruno “echt” war … tatsächlich bei der Stadt angestellt war. Er benutzte seinen Dienstausweis für seine unlauteren Geschäfte – ganz sicher unter dem Schutz der Miliz – und löste sich irgendwann in Luft auf. Der Bürgermeister meinte sich an seinen Angestellten zu erinnern, bei genaueren Nachforschungen stellte sich jedoch heraus, dass er bereits Ende 2012 aus seinem Amt ausgeschieden sei. Dumm, dass man ihm seinen Beamtenausweis nicht weggenommen hat. Die Vermutungen reichen soweit, dass es eine Verstrickung zwischen den örtlichen Milizen und der Kammer der Stadtabgeordneten gibt. Vielleicht gar nicht so abwägig, wenn man weiß, aus wem sich die Milizen Rios zusammensetzen … Polizisten, Feuerwehrleute, Militär … alles Staatsdiener ne …

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About The Author

Matthias Bergmann ist Eisenhütteningenieur und lebt seit 1994 in Brasilien. Neben seiner Tätigkeit in der brasilianischen Eisenerzindustrie unterstützt er ehrenamtlich ein von ihm initiiertes Kinderhilfsprojekt in einer der größten Favelas der Millionenstadt Belo Horizonte.

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