Saturday 18th November 2017,
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“Entschuldigen Sie die Störung – Wir verändern gerade Brasilien”

Bergmann Matthias 16. Juni 2013 Lemi - Kolumne Keine Kommentare
“Entschuldigen Sie die Störung – Wir verändern gerade Brasilien”

Seit einer Woche berichten die brasilianischen Medien nur noch vomn zwei Ereignissen: Dem Confed-Cup, die sogenannte Generalprobe für die Fussball-WM und den Krawallen in São Paulo, bei den es angeblich um die Preiserhöhung des öffentlichen Nahverkehrs von 3,00 R$ auf 3,20 R$ geht …

Der Confed-Cup, ein wunderbares Ablenkungsmanöver von den derzeitigen Problemen im Lande, wird für staatsgelenkte Medien und ignorante Politiker immer mehr zum Eigentor. Wie sich für den aufmerksamen Beobachter schnell herausstellt, sind die 20 Centavos Preiserhöhung nur Nebensache. Es geht um mehr, viel mehr … der sonst so gutmütige, politisch uninteressierte Brasilianer beginnt sich zum ersten Mal seit der Militärdiktatur in den 80-er Jahren öffentlich gegen den Staat aufzulehnen. Im Unterschied zu Militärdiktaturzeiten ist die derzeitige Regierung unter Führung der linksradikalen Partei PT und ihrer Präsidentin Dilam Rouseff vom Volk gewählt worden. Korruptionsskandale aus den Zeiten ihres Vorgängers Lula (ebenfalls PT), Null-Wirtschaftswachstum, vor allem aber die steigenden Lebenshaltungskosten bringen das Volk auf die Palme. Offiziell ist die Inflation unter Kontrolle, innerhalb der Vorgaben von 6,5%. Wer in Brasilien lebt, weiss, dass dies eine Lüge ist. Die Statistiken sind geschmückt. Das Volk fühlt sich verarscht. Angebliche Steuersenkungen versanden oder werden durch neue Steuern ausgeglichen. Der Steuerdschungel Brasiliens wird immer undurchsichtiger und schreckt nun auch ausländische Investoren immer mehr ab. Die Ratingagentur droht Brasilien aufgrund der schwachen Wirtschaft und der steigenden Staatsschulden von “stabil” auf “negativ” abzustufen.

Ich selber rede mir bereits seit Jahren den Mund fusselig, dass das Wirtschaftswachstum Brasiliens in den letzten Jahren auf einer Blase basiert, die irgendwann platzen muss. Sogenannte Billigkredite ohne Anzahlung liessen den Immobilienmarkt und die Verkäufe von Autos und Elektroartikeln anwachsen. Die Preise stiegen ins Unendliche, doch die Regierung heizt den Konsum weiter an. Das Lohnniveau kann schon lange nicht mehr mit der Preisschraube mithalten. Überschuldung, Zahlungsverzug und Pleiten sind die Folge. Anstatt in Infrastruktur, Bildung und Sozialwesen zu investieren, wurden in den letzten Jahren Fussballstadien gebaut. Wie alle vom Staat verwalteten Investitionen kosteten sie das Doppelte vom anfangs veranschlagten Investitiomnsvolumen. Die Zahlen kommen jetzt mit dem Beginn der Probe-WM ans Tageslicht und das Volk kotzt es einfach nur an, dass es die Rechnung bezahlen muss, sei es in Form von höheren Bustarifen oder einfach nur für einen vollen Teller Reis und Bohnen.

Die Revolution begann leise und wurde laut niedergeschlagen. Dank paralleler Medien und einer Handvoll privater Sender kommt ein Teil der Brutalität, mit der Dilmas Komparsen den Aufstand ihres Volkes niederschlagen ans Tageslicht. Womit sie nicht gerechnet hat, ist die Solidarität der Brasilianer. Mittlerweile wird in Rio de Janeiro, Brasilien, Porto Alegre und in Belo Horizonte protestiert. Das Volk scheint sich gegen Gummigeschosse, Wasserwerfer, Gasbomben, Hunde- und Pferdestaffeln widersetzen zu wollen. Meine Segen haben sie. Und wenn ich Gelegenheit habe, an einer solchen Demo teilzunehmen, werde ich das auch tun.

Für Präsidentin Dilma bin ich nach ihrem Spruch am Freitag “Alle die behaupten, die Inflation Brasiliens wäre ausser Kontrolle, sind Terroristen!” sowieso schon ein Märtyrer.

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About The Author

Matthias Bergmann ist Eisenhütteningenieur und lebt seit 1994 in Brasilien. Neben seiner Tätigkeit in der brasilianischen Eisenerzindustrie unterstützt er ehrenamtlich ein von ihm initiiertes Kinderhilfsprojekt in einer der größten Favelas der Millionenstadt Belo Horizonte.

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