Tuesday 27th June 2017,
Inside Favela

Fussball – Teil 2

Bergmann Matthias 7. Juli 2012 Lemi - Kolumne Keine Kommentare
Fussball – Teil 2

Leseprobe meines Buchs “RIO & ANDERE DROGEN” (alle Rechte dem Autor vorbehalten)

»Mãe, wieso hast du ihn angerufen? Hast du keine Angst, dass sie unser Telefon abhören?«
»Ich habe nicht bei Coxa angerufen, sondern bei seiner Hure.«
»Wieso kennst du die Telefonnummer seiner Hure?«
»Coxa hat mich vorgewarnt. Ich soll nie auf seinem Telefon anrufen. Er hat mir ihre Nummer gegeben. Sie war eigentlich ganz nett am Telefon.«
»Wenn sie das rauskriegen, dann nehmen sie dich auch mit, Mãe! Du hast ihn gewarnt, sogar beschützt. Er ist ein Krimineller, verstehst du!? Und wenn du ihm hilfst – und wenn es nur mit einem Anruf ist – dann gehörst du zu ihrer Bande und kommst mit in den Knast.«
»Rosa, Coxa ist mein Kind und mein Kind muss ich beschützen! Dich würde ich genauso beschützen.«
»Ich bin keine Kriminelle, Mãe. Und das ist genau der Unterschied!«
Rosa flippte total aus. Sie klopfte wieder mit den Fäusten an die Wand. Ich beschloss, in die Wohnung zu gehen, bevor der Streit eskalierte. Sofort herrschte Totenstille. Rosa verschwand in ihr Zimmer. Die Tür knallte hinter ihr zu. Sie schimpfte auch hinter verschlossener Tür weiter. Immer wieder hörte ich den Satz: Sie werden sie noch umbringen!
Ich wusste nicht, um wen ich mich zuerst kümmern sollte. Ich war plötzlich alleine mit zwei zerstrittenen, völlig aufgelösten Frauen. Ich setzte mich zu Mãe. Sie schaute mich mit versteinertem Blick an. Ihre Augen trafen mich wie ein Dorn im flackernden Licht der an der Decke taumelnden Glühbirne.
»Ich habe nicht viel von eurem Gespräch gehört, aber ich glaube, du bist wirklich in Gefahr, Mãe!«
Kaum hatte ich den Satz ausgesprochen, kam Rosa wieder ins Zimmer gerannt und schrie auch auf mich ein.
»Und du kannst auch gleich hier verschwinden, wenn dir dein Leben lieb ist! Glaubst du wirklich, du kannst mit Ver-brechern unter einem Dach leben und kommst ungeschoren davon? Wenn dich die Bullen nicht mit in den Knast nehmen, dann kriegst du es mit den Milizen zu tun. Lass die nur zu Gehör bekommen, dass Carlos mit Drogen handelt. Dann verjagen sie uns alle. Die dulden keine Konkurrenz. Solche Vagabundos wie Carlos verderben ihnen das Geschäft. Am besten du ziehst gleich morgen früh wieder zurück nach Recreio. Dort bist du sicher. Hier bricht irgendwann das Unglück über unsere Familie herein. Und alles wegen diesen scheiß Drogen. Welcher Gott hat dieses Dreckszeug nur erfunden?«, schimpfte Rosa verbittert.
»Rosa, beruhige dich doch mal. Können wir nicht normal miteinander reden?«, versuchte ich, etwas zu schlichten.
Doch Rosa war nicht zu beruhigen.
»Hier ist nichts mehr normal, seit meine drei Brüder ins Haus eingezogen sind. Die ziehen den Ärger magisch an. Ich wünschte mir, dass sie alle drei tot wären. Oder wenigstens ganz weit weg!«
»Ich glaube auch, dass die Bullen wiederkommen. Und zwar solange, bis sie Coxa haben. Die wollen die dicken Fische der Presse vorführen, um der Öffentlichkeit ihre Effizienz zu zeigen. Aber wie können wir vorbeugen, dass sie uns etwas tun?«
»Das ist doch genau das Problem, Lemi. Wenn sie Coxa nicht finden, dann nehmen sie jemanden von uns mit. Das kannst du sein, ich oder sogar Mãe. Wenn sie Mãe festnehmen, dann wissen sie schon, dass Coxa versuchen wird, sie zurückzuholen. Coxa würde es nie zulassen, dass sie Mãe quälen. Sie bauen eine Falle im Hinterhalt auf, und wenn Coxa den kleinsten Fehler begeht, schlagen die Bullen zu«, ahnte Rosa voraus, was die Polizei plante. Doch das war noch nicht alles. Rosas Ängste galten einem Gegner, den ich bisher nicht wahrgenommen hatte. Ich musste mehr über ihn erfahren. »Und was hat die Miliz damit zu tun?«, bohrte ich tiefer in der offenen Wunde.
»Ach Lemi, die sind die neuen Besitzer der Favela. Das sind alles Ex-Bullen, pensionierte Militärs oder Feuerwehrleute, die sich zu einer Mafia zusammengeschlossen haben. Sie erobern nach und nach die Favelas und stellen ihr eigenes Regime auf. Mitglieder des ›Comando Vermelho‹, du weißt schon, die Drogenbande, der auch Carlos angehört, knallen sie einfach ab und brüsten sich nun damit, dass seitdem Frieden in der Favela herrscht. Mag sein, es gibt keine Schießereien zwischen Dealern und der Polizei mehr und auch kaum noch Drogenverkaufspunkte. Besser ist es aber deswegen trotzdem nicht geworden. Die Miliz kassiert Schutzgelder von den Ladenbesitzern, und von uns verlangt sie für alles Mögliche Gebühren. Wer ein Haus kaufen will, muss eine Grundstücksgebühr an die Miliz abdrücken, obwohl weder Häuser noch Grundstücke ihnen gehören. Auch die Gasflaschen werden in der Favela von ihnen verkauft. Sie sind 20 Prozent teurer als ›draußen‹, aber es gibt keine Konkurrenz, weil die Miliz niemanden hier hereinlässt. Mit ihren Repressalien sammeln sie so viel Geld ein, dass sie sogar eigene Banken in der Favela gegründet haben. Damit waschen sie ihr schmutziges Geld rein und vermehren es nebenher noch weiter. Sie beschränken sich auf den lukrativen Teil: Das Kreditgeschäft. Sie geben den Favela-Bewohnern Kleinkredite und verlangen zehn Prozent Zinsen pro Monat! Die wissen genau, dass ein Favelado bei einer richtigen Bank keinen Kredit bekommt, ganz einfach, weil er keine Sicherheiten vorweisen kann. Bei der Miliz braucht man keine Sicherheiten, was sich aber schnell als Falle erweisen kann. Wenn man seine Raten nicht pünktlich zurückzahlt, bekommt man ungewünschten Besuch. Unter Waffengewalt drohen sie dir an, dein gesamtes Hab und Gut in Beschlag zu nehmen, dein Haus anzustecken oder deine Eltern zu ermorden. Du hast keine Chance zu entfliehen. Die Bosse sind schwer bewaffnet. Alle Bewegungen und Geschäfte in der Favela werden von stillen Beobachtern kontrolliert. Durch ihre alten Verbindungen zum staatlichen Sicherheitsapparat sind ihre erpresserischen Aktivitäten gedeckt. Mit einem Teil ihres Gewinnes schmieren sie Polizeipräsidenten und Landespolitiker, die sie aus ihrem aktiven Staatsdienst kennen. So können sie hier Tun und Lassen, was sie wollen. Es ist alles genau wie vorher, als noch das Drogenkommando die Favela im Besitz hatte. Vor den Drogenkommandos hatte der Staat Angst. Die Milizen deckt er. Wer darunter leidet, sind wir, die Favela-Bewohner. Die Favela ist zu einem kolonialen Militärstaat mit eigenen Gesetzen geworden. Wir sind die Sklaven und bezahlen für alles extra. Wer nicht mitzieht, wird vertrieben oder einfach umgelegt. Lemi, weißt du eigentlich, warum in Rios Favelas so viele Minibusse herumfahren und wer die alle kontrolliert? Genau, die Milizen. Sie gehören ebenfalls zu ihrem Imperium.«
Ich unterbrach Rosa kein ein einziges Mal. Die Müdigkeit und die Bekanntschaft mit der Blondierten waren plötzlich wie aus meinem Gehirn geblasen. Ich stand total unter Strom. Zum ersten Mal begriff ich, wo ich eigentlich wohnte und vor allem, worunter die Favela-Bewohner litten. Es waren nicht die Armut, der Hunger oder die Perspektivlosigkeit. Nein. Verbrecherische Organisationen machten ihnen das Leben zur Hölle. Jahrzehntelang litten sie unter den Repressalien brutaler Drogenkommandos. Sie rekrutierten ihre Kinder als Soldaten und machten sie zu Verbrechern. Werden sie verjagt, breitet sich die nächste Plage in der Favela aus und beutet die Bevölkerung unter dem Deckmantel des Schutzes aus. Für die Favela-Bewohner war die Miliz nichts Besseres und nicht Schlechteres als ein verrückter Drogenboss.

Alle waren Verbrecher.
Alle bedrohten sie.
Und alle töteten.

Ich hatte mich blenden lassen. Auf den ersten Blick schien das Leben in der Favela friedlich abzulaufen, ja sogar eintö-nig. Doch ich hatte mich geirrt. Im Hintergrund drehten sich unsichtbar die Räder. Mafiöse Netzwerke wurden aufgebaut, die Personen und Abläufe in der Favela überwachten. Eigene Gesetze wurden aufgestellt. Anders als der Staat, achtete die Mafia auf deren strikte Befolgung und setzte sie mit Waffengewalt durch. Die Miliz wollte unbehelligt ihre illegalen und höchst lukrativen Geschäfte abwickeln. Der organisierte Drogenhandel störte dabei genauso, wie die staatlichen Kontrollorgane. Für ersteres wurde die Favela mit militärischer Exaktheit gesäubert. Drogendealer wurden verjagt oder gelyncht. Letzteres erreichte man durch die Pflege alter Verbindungen zu den korrupten Staatsorganen. Wenn eine von Milizen besetzte Favela nach außen friedlich erschien und ihre Einwohner vor den Wahlen regierungsfreundlich gestimmt wurden – und dafür sorgten die Milizen – war das Grund genug, die Aktivitäten der Milizen zu decken und ihnen freie Hand zu lassen. Eingriffe von »oben« waren somit eliminiert. Zusätzlich sicherte sich die Miliz nach unten ab und ver-strickte die Favela-Bewohner in ihre illegalen Aktivitäten. Die Miliz klaute Kabelfernseh- und Internetanschlüsse, richtete sich eigene Zentralen ein und verkaufte die Dienstleistungen zum vermeintlichen Spottpreis an die Einwohner. Beide profitierten davon – die Miliz steckte sich die fetten Gewinne ein und die Favela-Bewohner zahlten nur ein Viertel des offiziellen Anschlusspreises. So holte man sich stillschweigend nach und nach die ganze Favela ins Boot der Illegalität. Andere »Sonderkonditionen«, die das Leben in der Favela teuer machten, wie die Versorgung mit Gasflaschen oder Krediten, musste die Bevölkerung schlucken – ob sie wollte oder nicht. Störenfrieden wurde ans Herz gelegt, die Favela zu verlassen. Oder man legte sie einfach kaltschnäuzig um.

Eines war ich mir seit Rosas Wutanfall sicher: Nach dem nächtlichen Polizeibesuch stand auch Carlos auf der Liste der Miliz. Zu viele Augen hatten gesehen, dass die Polizei in Rosas Haus gekommen war. Wir hatten unangenehmen Besuch und eindringliche Fragen zu erwarten – von wem auch immer. Und wie die Antworten auch lauteten, würden sie Gefahr bedeuten – für Coxa, Rosa, Mãe, aber auch mich. Ich bekam ein flaues Gefühl im Magen.

Rio war brutal und das Leben tödlich.


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About The Author

Matthias Bergmann ist Eisenhütteningenieur und lebt seit 1994 in Brasilien. Neben seiner Tätigkeit in der brasilianischen Eisenerzindustrie unterstützt er ehrenamtlich ein von ihm initiiertes Kinderhilfsprojekt in einer der größten Favelas der Millionenstadt Belo Horizonte.

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