Tuesday 27th June 2017,
Inside Favela

Fussball – Teil 1

Bergmann Matthias 29. Juni 2012 Lemi - Kolumne Keine Kommentare
Fussball – Teil 1

Leseprobe meines Buchs “RIO & ANDERE DROGEN” (alle Rechte dem Autor vorbehalten)

Die Tage bis zum Beginn der Weltmeisterschaft vergingen immer langsamer. Im Fernsehen sah man nichts anderes mehr, als die in Brasilien meist nur mit Vor- oder Spitznamen bekannten Kicker. Kaká, Robinho und Luis Fabiano ersetzten die ausgemusterten Alt-Stars Ronaldo, Roberto Carlos und Ronaldinho.
Ganz Brasilien fieberte dem Tag X entgegen. Auf meinem Baustellenkalender war es ein stinknormaler Dienstag. Genau dieser Tag sollte eine 30 Tage dauernde Feier einleiten. Der Gegner im ersten Spiel hieß Nordkorea. Für das übermächtige Fußball-Brasilien, den fünffachen Weltmeister, sollte es nicht mehr als eine Trainingseinheit sein.

Rosa durfte das Werk an diesem Tag schon um 13 Uhr verlassen. Nach ein paar vergeblichen Versuchen, mit ihr zu telefonieren, bemerkte ich, dass die Baustelle wie leergefegt war. Ich erfuhr, dass die Werksleitung der gesamten Beleg-schaft freigegeben hatte, um das Fußballspiel zu Hause oder in irgendeiner Bar anzuschauen. Als ich am Abend die Sinteranlage verließ, wurde es mehr und mehr zur Gewissheit: Nicht nur das Werkspersonal, sondern ganz Rio hatte schon um 13 Uhr aufgehört zu arbeiten. Mein roter Gol war weit und breit der einzige Farbtupfer auf den sonst so überfüllten Straßen Rio de Janeiros. Wahrscheinlich war es auch im restlichen Brasilien nicht anders. Selbst der letzte Amazonas-Indianer streifte sich heute das kanariengelbe Trikot über und fieberte mit seiner SELEÇÃO. Es war wie ein nicht deklarierter Feiertag.

Meiner Belegschaft hatte ich dummerweise vergessen freizugeben. Doch das sollte sich nach diesem Schlüsselerlebnis ändern. Ich hätte es eigentlich in den mich fragend anschauenden Blicken meiner Bürodamen erkennen müssen. Ich sah das Flehen in ihren Augen. Doch ich war immer noch zu tief im Sumpf der Misserfolge der schon viel zu lange andauernden Heißinbetriebnahme versunken.
Ich entschied kurzerhand, eines der leeren Büros zu einem kleinen Fernsehraum umzufunktionieren. Als Beth und Simone davon erfuhren, fingen sie eifrig an, ihn mit den Nationalflaggen der auf unserer Baustelle tätigen Mitarbeiter auszuschmücken. Nachdem alles fertig war, kam Simone in mein Büro. Sie schaute mich etwas eigenartig an, so als hätte sie einen Fehler gemacht.
»Kann ich das so lassen, Lemi?«
Sie zeigte dabei mit dem Finger auf zwei nebeneinanderhängende Flaggen. Es waren die argentinische und die brasilianische – Erzfeinde auf dem Fußballfeld. Auf den ersten Blick schien es grotesk. Aber ich fand, dass die Stimmung unter den Kollegen beider Länder alles andere als feindlich war und die Fahnen sowieso im Meer der deutschen, chilenischen und portugiesischen untergingen, sodass ich Simone zusicherten konnte, dass sie alles richtig gemacht hatte. Ihr Gesichtsausdruck entspannte sich etwas, und wir wünschten uns gegenseitig Glück für die kommenden 30 Fußballtage. Mein Herz schlug immer noch für das deutsche Nationalteam, auch wenn ich mittlerweile den brasilianischen Fußball besser kannte als den meiner alten Heimat.
Die Weltmeisterschaft konnte also losgehen – auch in unserem Baustellencontainer. Erstaunlicherweise versammelte sich die gesamte Belegschaft in unserem provisorischen Fernsehraum, obwohl es nur ein Gruppenspiel gegen den Fußballzwerg Nordkorea war. Doch es war das Ereignis, auf das jeder Brasilianer vier Jahre lang hin gefiebert hatte. Die Seleção vereinte die besten Fußballer der Welt. Jeder von ihnen war stolz, das gelbe Trikot tragen zu dürfen. Und es zählte nur eines: der Weltmeistertitel! Das Wort »Vizeweltmeister« existierte nicht einmal im brasilianischen Sprachgebrauch. Und dass es ein Spiel um Platz 3 gibt, wusste wahrscheinlich kein einziger Brasilianer. Es ging einzig und allein darum, das Trikot der Seleção mit einem neuen Stern zu schmücken.
Doch was Brasilien in seinem ersten Gruppenspiel bot, war unter aller Sau. Meine brasilianischen Kollegen schimpften die gesamte erste Halbzeit wie Rohrspatzen. Ihrer Meinung nach taugte keiner der Spieler etwas. Heutzutage hätten die Fußballprofis keinen Nationalstolz mehr, sondern würden nur noch wegen des Geldes spielen. Am wenigsten aber taugte ihr Trainer. Dunga bekam die Karte des schwarzen Peters zugeteilt, denn er hatte natürlich die falschen Spieler aufgestellt. Plötzlich erinnerte man sich wieder an die prächtig spielenden Jungs vom F.C. Santos, die Dunga wegen ihrer noch zu jugendlichen Unbekümmertheit ausgemustert hatte, währenddessen er seine Stammspieler Kaká und Luis Fabiano direkt aus dem Lazarett zur WM einfliegen ließ.
Ich merkte wieder einmal, dass in jedem Brasilianer ein potenzieller Nationaltrainer steckte, genau wie in jedem brasilianischen Autofahrer ein kleiner Senna …
Die zweite Halbzeit begann. Nun fielen auch die Tore und die Stimmung wechselte schlagartig. Hohn und Spott über die eigene Mannschaft lösten sich in Luft auf und man fing an, seine Helden zu feiern. Natürlich war nach dem knappen Sieg und dem aus meiner Sicht grottenschlechten Spiel für alle Brasilianer klar: Die Seleção wird zum sechsten Male Weltmeister!

Als ich nach Spielende mutterseelenallein durch Santa Cruz fuhr, sah ich es wieder. Die Straße wurde nicht mehr zum Autofahren, sondern zum Feiern benutzt. Ich musste mich um die überschäumend feiernden, einheitlich in Gelb gekleideten Einheimischen schlängeln. Die Vuvuzelas lärmten und wurden nur noch vom Bass der Funkmusik übertönt. Ich fühlte mich, trotz nahezu perfekter Integration in die brasilianische Gesellschaft, seit langem mal wieder wie ein Fremdling.
Auf der Überlandfahrt zwischen Santa Cruz und Rio fing ich an, Pläne für den Abend zu schmieden. Das Fitnessstu-dio konnte ich getrost aus meinem Programm streichen. Es war geschlossen. Darauf würde ich meine Mutter verwetten.
Ich rief Rosa an, um sie zu fragen, wo sie sei. Doch sie ging nicht an ihr neues Handy. Als ich in die Favela einfuhr, bestätigte sich meine Vorahnung. Das Volk feierte den glanzlosen Sieg ihrer Seleção, so als hätte sie soeben ihren sechsten Weltmeistertitel gewonnen. Wieder kam ich nur im Schritttempo durch das auf der Straße tanzende Volk. Als ich aus Verzweiflung hupte, kamen ein paar sturzbetrunkene Typen an und schaukelten mein Auto. Ich bekam Angst, dass sie den nicht besonders schweren Gol auf seine Breitseite legten. Gott sei Dank erkannte mich einer der Jungs und befreite mich aus meiner Notlage.
»Eh, das ist Lemi. Lasst ihn durch!«
Mein durch seine knallrote Farbe und vor allem Baustel-lendreck ziemlich auffälliger Gol hatte mich offenbar vor schlimmeren bewahrt. Ich hob meinen Daumen in seine Richtung und versprach ihm, nach dem Duschen vorbeizu-kommen und ein Bier zu spendieren. Dafür bekam ich seinen erhobenen Daumen zurück. Ab ging’s.
Schnell unter die Dusche, das gelbe Brasilientrikot übergestreift und etwas Deo unter die Achseln. Durst hatte ich nach dem langen Tag auf der Baustelle sowieso. Alles war perfekt. Nur eines passte nicht so richtig: Es war Dienstag. Morgen früh um halb sechs musste ich wieder Gewehr bei Fuß stehen.
Ich verwischte diesen fürchterlichen Gedanken und ging einfach in eine der sonst innerhalb der Woche gähnend leeren Bars an der Hauptstraße. Doch heute war alles anders. Überall waren Menschen und aus allen Richtungen ertönte Musik. In meiner Bar spielte die Musikbox. Ein junges Mädchen tanzte direkt vor ihr, steckte alle paar Minuten eine Münze hinein und wählte sich eine neue Musik aus. Sie war einfach nur fröhlich und tanzte. Irgendwann steckte mich das Gefühl der Ausgelassenheit an. Ich vergaß nicht nur, wie spät es eigentlich war, sondern auch, dass ich morgen zur Arbeit musste. Ich holte mir ein Bier an der Bar und schaute dem Barkeeper fragend in sein Gesicht. Er hatte den Preis einfach so von drei auf vier Reais erhöht.
»Heute ist Feiertag. Da ist alles teurer. Schließlich muss ich arbeiten, wenn ihr feiert«, argumentierte er.
Die Begründung klang zwar logisch, aber ich hatte den Eindruck, dass der hagere Mann mit der Zigarette im Mund mindestens genauso viel Bier getrunken hatte wie sein bester Kunde. Nach Arbeit sah das wirklich nicht aus. Wahrscheinlich war er, wie alle seine Gäste, einfach nur froh, dass seine Seleção drei Punkte gewonnen hatte. Wie, war egal.
Ein Typ neben mir, er stellte sich mit Bruno vor, bot mir an, meine Bierflasche auf seinem Tisch abzustellen. Ich hatte keine Ahnung, warum, er war allein und wollte wahrscheinlich einfach nur Kontakt knüpfen. Ich hatte nichts dagegen und kurz darauf kam tatsächlich ein Gespräch zustande. Wir waren uns schnell sympathisch und entschlossen uns, die nächsten Bierflaschen gemeinsam zu leeren. Plötzlich entdeckte er eine Dame in der Seitenstraße und begann sie wild gestikulierend zu rufen. Endlich bemerkte sie ihn und kam an unseren Tisch. Bruno stellte mich ihr kurz vor und schlug vor, ihre Freundinnen zusammenzutrommeln. Aber sie machte genau das Gegenteil und schleppte uns in eine Bar, in der sie gerade den Sieg Brasiliens feierte. Ihre Damen-Clique war auch dort. Eine Samba-Band spielte, und die Stimmung konnte eigentlich nicht besser sein. Als wir die Rechnung der ersten Bar zahlten, klärte Bruno mich noch schnell darüber auf, dass er die Dame bereits am Vorabend erobert hatte, aufgrund seines Zustands aber nicht mehr dazu in der Lage war, die Nacht mit ihr zu Hause würdevoll zu beenden. Heute sollte das anders sein. Zumindest nahm er sich das vor. Er fragte, ob ich nicht mitkommen wollte. Natürlich wollte ich …
Rosa würde ich in dem Menschenwirrwarr sowieso nicht mehr finden und falls ja, wäre es auch nicht so schlimm. Ein neuer Anschluss in der Favela bahnte sich an und vielleicht ein paar neue Abenteuer.
Die Stimmung in der benachbarten Bar war wirklich fan-tastisch. Die Leute tanzten, lachten und feierten ihre Helden. Bruno stellte mich der Runde vor. Ich fühlte mich aufgrund der wirklich netten Begrüßung sofort wohl. Wie immer weckte mein Gringo-Status die Neugier der anwesenden Damen. Aber auch die Männer hatten heute ein Thema. Es war das überzeugende Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die krassen australischen Außenseiter. Man lobte Deutschland in allen Tönen und sagte schon das Traumfinale Brasilien gegen Deutschland voraus. Obwohl ich natürlich völlig anderer Meinung war, wollte ich den Burgfrieden bewahren und schloss mich der allgemeinen Meinung über die zwei besten Fußballmannschaften der Welt an. Ich staunte nicht schlecht, als ich (leicht akzentbehaftet) solche Namen wie Beckenbauer, Gerd Müller und Matthäus aus brasilianischen Mündern zu hören bekam, obwohl diese Spieler weder meiner und noch viel weniger der Generation meiner neuen »Freunde« angehörten. Ich konterte mit Pelé, Garrincha, Zico und Socrates und erinnerte sie daran, wie Abwehrspieler Branco die Holländer mit seinem Freistoßtor zum 3:2 im Viertelfinale der 94-er WM nach Hause schickte und später gegen Italien Weltmeister wurde.
Fußball ist wohl in jedem Land der Welt eine gute Ge-sprächsbasis, vor allem aber im fußballverrückten Brasilien.
So langsam wurden die Damen ungeduldig und fingen an zu tanzen. Es vergingen keine drei Minuten, und schon schauten sie auf meine noch stillstehenden Beine. Es kam eine auffordernde Geste und da ich mir schon genügend Mut angetrunken hatte, fiel es mir nicht allzu schwer, in den Rhythmus der Trommeln zu verfallen. Ich bekam es mit einem Lächeln gedankt. So lief es eine ganze Weile, bis Bruno mich in die Rippen stieß und zu einer der Damen schielte.
»Lemi, a moça tâ dando mole pra você!«
Ich verstand Bruno nicht. Ich schob es auf die Lautstärke der Musik und bat ihn zu wiederholen, was er gesagt hatte. Doch auch beim zweiten Mal wusste ich absolut nicht, was er von mir wollte. Ich kannte den Ausdruck »tâ dando mole« nicht. Bruno verzieh es mir. Schließlich wusste er, dass ich Gringo war. Er flüsterte mir die Erklärung ins Ohr.
»Lemi, sie will dich heute Nacht!«
Ich schaute neugierig zu der Dame. Bruno verleierte die Augen, da sie sofort mitbekam, dass wir über sie sprachen. Das war natürlich dumm, da sie nun wusste, was ich wusste und ich nun nicht mehr verbergen konnte, was ich eigentlich schon bei ihrem ersten Anblick bemerkt hatte: Sie war absolut nicht mein Typ. Es gab einfach zu viele Dinge an ihr, die mich störten. Sie war zu unförmig, zu blond gefärbt und hatte auch kein besonders hübsches Gesicht. Ihr Äußeres sagte mir überhaupt nicht zu. Schlimmer aber war, dass sie mit ihrem Mann da war! Er umarmte sie laufend von hinten, küsste sie, während sie zu anderen Männern und natürlich auch zu mir schaute und lächelte. Ich fand ihr Verhalten ziemlich verhurt. Nein, ich mochte sie definitiv nicht. Ich wand mich wieder an Bruno und begründete ihm mein fehlendes Interesse.
»Was soll ich mit einer Braut, die mit ihrem Macker hier ist? Da gibt nur Ärger. Wenn hier, mitten in der Favela, wo ich meine Freunde an einer Hand abzählen kann, ein Streit vom Zaun bricht, kann ich mich auch gleich beerdigen lassen. Diese Schlampe ist doch nicht einmal ein blaues Auge wert …«
Bruno verstand. Ich erklärte ihm, wie ich solche Situatio-nen in der Regel löste. Ich haute einfach durch die Hintertür ab und ging nach Hause, um so jede Art von Ärger zu vermeiden. Auch diesmal entschloss ich mich, kurzerhand aufzubrechen. Es war schon kurz vor Mitternacht, und ich hörte plötzlich das allmorgendliche Wecker klingeln in meinen Ohren. Ich verabschiedete mich von Bruno und seinen Freunden. Auch der blond gefärbten gab ich ein Wangenküsschen, ohne jedoch irgendwelche Annäherungen zuzulassen.
Als ich mich schon auf dem Heimweg befand, hörte ich die Sirene eines Polizeiautos hinter mir. Plötzlich scharte sich eine Menschenmenge auf der Straße zusammen. Es gab Probleme. Offenbar gab es noch eine andere Blondgefärbte, die unter Anwesenheit ihres Mackers die Blicke kreisen ließ. Ich sah, wie zwei Männer auf sich einschlugen. Es gab Fußtritte in den Bauch und in die Weichteile. Ich hielt mich auf Distanz. Doch glücklicherweise war die Polizei schnell vor Ort und löste den Streit auf. Ein paar Minuten später rasten weitere sechs Polizeiautos heran und blockierten die Straße in alle Richtungen mit schwerem Geschütz. Es war genau an dem Ort, wo sich soeben die beiden Streithähne noch in der Wolle hatten. Alles war wieder unter Kontrolle. Die Leute kehrten wieder in ihre Bars zurück. Ich setzte meinen Heimweg fort. Für heute hatte ich genug gesehen.
Als ich die Tür öffnete, hörte ich Rosas Stimme. Eine Diskussion war im Gange. Doch diesmal nicht mit einem ihrer verhassten Brüder, sondern mit Mãe. Ich verharrte eine Weile zwischen Tür und Angel, um dem Gespräch zu lauschen. Ich wusste genau, dass, sobald ich die Wohnung betrat, das Gespräch beendet sein würde. Meine Neugier machte mich zum Spanner …


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About The Author

Matthias Bergmann ist Eisenhütteningenieur und lebt seit 1994 in Brasilien. Neben seiner Tätigkeit in der brasilianischen Eisenerzindustrie unterstützt er ehrenamtlich ein von ihm initiiertes Kinderhilfsprojekt in einer der größten Favelas der Millionenstadt Belo Horizonte.

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