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Filmtipp: Elite Squad – Im Sumpf der Korruption

Bergmann Matthias 19. März 2012 Kunst + Fotografie Keine Kommentare
Filmtipp: Elite Squad – Im Sumpf der Korruption

Endlich ist es soweit! Der im Jahr 2010 erschienene brasilianische Polit-Thriller “Elite Squad” (Original: Tropa de Elite 2) ist seit dem 16/03/2012 auch im deutschen DVD-Handel erhältlich (bei Amazon für 14,99 Euro)

Ich habe mir den Film kurz nach seiner Herausgabe im Original im Kino angesehen und war vollends begeistert. In die zwei für den Film zur Verfügung stehenden Stunden wurde gebündelt, was an staatlich organisierter Kriminalität und Gewalt hinein passte. Filmregisseur José Padilha hält der Stadt Rio de Janeiro ungeschminkt der Spiegel vor die Nase. Keines der für Brasilien typischen Klischees wird bedient: kein Samba, keine mit dem Arsch wackelnden Mulattas, keine Feierlaune. Stattdessen ein Blutbad im Schwerverbrechergefängnis Bangu, von der Miliz getötete Journalisten, korrupte Polizisten, egozentrische Politiker und einen fast schon bemitleidenswerten Drogenboss, der genauso sterben muss wie Matthias, der beleidigte BOPE-Polizist, der unbemerkt in den Sumpf der Milizen rutscht und für seine Blauäugigkeit mit einem Schuss in den Rücken bestraft wird. Wer noch einen Glauben an die brasilianische Politik hatte (sicherlich nicht allzu viele …), sollte während des Films davon abfallen.

Hauptdarsteller Wagner Moura glänzt wie schon im ersten Teil des “Elite Squad” als Kapitän Nascimento mit fettig glänzendem Gesicht, notorisch schlecht gelaunt und augenumring.

Brillanterweise beginnt und endet der Film mit einer Lüge:

Im Vorspann des Films muss der Zuschauer lesen, dass die Handlung des Films rein fiktiv und alle Übereinstimmungen mit der Realität reiner Zufallen seien. Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. Wahrscheinlich wäre ein Smiley hinter dieser Textzeile angebracht gewesen …

Das Ende des Films bereitet mir etwas Sorgen. Kapitän Nascimentos Sohn, der einem Anschlag durch die Milizen zum Opfer fällt und wochenlang im Koma liegt, öffnet in der letzten Szene des Films seine Augen. Aber warum? Musste wirklich ein Happy End her? Konnte der Filmautor nicht wie schon die 119 Minuten zuvor, bei der Realität bleiben? Für mich hat das Wiedererwachen des Totgeglaubten einen bitteren Nachgeschmack, so als gäbe es im Kampf gegen die Milizen und Drogenbanden Rios noch ein Fünkchen Hoffnung.

Meiner Meinung nach irrt der Filmautor hier gewaltig. Rio befindet sich fest in der Hand der Drogenbanden und Milizen. Statistiken beweisen, dass 97% der rund 1000 Favelas Rio de Janeiro in ihrer Hand sind. Sie füttern die geldhungrigen Staatsbediensteten und werden als Dank dafür ignoriert. Und falls sich der Staat einmal anders entscheiden sollte, wird es zu spät sein, denn mittlerweile sich eine Gegenmacht gebildet hat, die stärker und besser organisiert ist als der Staat selbst.

Trotzdem verdient der Film die Höchstnote. Aufgrund der Autentizität des Films erteile ich dem Autor das Zertifikat “höchst mutig”. Auch wenn er es “abstreitet” …

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About The Author

Matthias Bergmann ist Eisenhütteningenieur und lebt seit 1994 in Brasilien. Neben seiner Tätigkeit in der brasilianischen Eisenerzindustrie unterstützt er ehrenamtlich ein von ihm initiiertes Kinderhilfsprojekt in einer der größten Favelas der Millionenstadt Belo Horizonte.

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