Saturday 25th February 2017,
Inside Favela

Die Struktur eines Drogenkommandos

Bergmann Matthias 9. August 2012 Drugs + Crime Keine Kommentare
Die Struktur eines Drogenkommandos

Die Späher kontrollierten die Zugänge zu den Drogenumschlagplätzen. Fremde wurden nicht geduldet. Das wusste ich spätestens seit meinem letzten Besuch in der Mangueira. Wenn die Typen an den Favela-Eingängen rumlungerten, erschienen sie gelangweilt, fast harmlos. Harmlos waren sie noch zu der Zeit, als sie ihre Drachen zum Signal an die Drogenhändler einzogen, wenn die Polizei in die Favela eindrang. Heute war alles anders. Es gab keine Drachen mehr. Stattdessen gehörten Funkgeräte, Feuerwerkskörper und Revolver zur Grundausstattung eines Spähers. Ihre Funktion war aber die gleiche geblieben – sie waren die Speerspitze einer unsichtbaren kriminellen Organisation, die in ihrer Grundstruktur einem wirtschaftlichen Unternehmen in nichts nachstand. Der Späher war das unterste Glied in der Hierarchiekette. Er gehorchte dem Soldaten, der für die Sicherheit in der Favela verantwortlich war. Erst wenn man sich als Soldat bewährt hatte, konnte man zum Pusher werden. Der Pusher verkaufte die Drogen an die Junkies und kassierte die Hälfte seines Umsatzes als Kommission. Es war der beliebteste Posten in der Drogengang, da man mit ein wenig Disziplin schnell zu ihm emporstieg und durch die Gewinnbeteiligung gute Kohle verdiente. Schwieriger war es schon, vom Pusher zum Gebietsleiter aufzusteigen. Der Gebietsleiter verkaufte selber keine Drogen, sondern verteilte sie nur noch an seine Pusher und kassierte die Erlöse. Er führte Buch über seine Verkaufsaktivitäten und berichtete an den Geschäftsführer. Der Geschäftsführer wiederum war für die Abwicklung aller Geschäfte in der Favela verantwortlich. Größere Favelas hatten mehrere Geschäftsführer, die nicht nur territoriale Verantwortlichkeiten hatten, sondern auch in die »Business Lines« Kokain, Crack oder Marihuana unterteilt waren. Sie organisierten nicht nur den Drogenverkauf, sondern das gesamte Leben in der Favela. Ein Regelwerk wurde aufgestellt, an das sich jeder Bewohner zu halten hatte, auch diejenigen, die nicht in das Drogengeschäft verwickelt waren. Verstöße wurden bestraft, und zwar so hart, dass man es sich gut überlegte, ein zweites Mal die Regeln zu brechen. Oberstes Gebot war es, Ruhe und Ordnung in der Favela zu bewahren, um das Eindringen der Polizei, aus welchem Grund auch immer, in der Favela zu vermeiden. Jedes kleine Delikt wurde bestraft. Die Mitglieder des Drogenkommandos sorgen für Recht und Ordnung. Dafür hatten sie ihre eigenen Methoden. Für Diebstähle wurden Finger abgehakt oder mit einer Kugel durchlöchert. Verräter wurden in einen Reifenstapel gezwängt, mit Benzin übergossen und angezündet. Kein Verbrechen durfte ohne den »Rechtsspruch« des Geschäftsführers durchgeführt werden. Wer es trotzdem tat, wurde wegen Ungehorsam degradiert oder gleich erschossen. Es gab keine Gnade. Das oberste Glied im Drogenkommando war der »Dono«, der Besitzer der Favela. Es war der Mann, der die Befehle an seine engsten Vertrauten, die Geschäftsführer, erteilte und die gesamte Favela kontrollierte. Die meisten Donos saßen im Knast, was sie allerdings nicht daran hinderte, von dort aus ihre Geschäfte abzuwickeln. Das Drogengeschäft warf genügend Geld ab, um das schlecht bezahlte Gefängnispersonal zu bestechen und Handys in die Zellen zu schmuggeln.
Verschiedene Dienstleister waren ebenfalls Bestandteil des Drogenkommandos. Der Waffeninstandhalter gehörte genauso dazu, wie der Drogenverpacker oder der Schlächter. Letzterer hatte die makabre Aufgabe, Leichen fachgerecht zu zerteilen, um sie an Schweine zu verfüttern oder unauffällig in Flüssen zu entsorgen. Frauen standen ebenfalls im Dienst der Organisation. Die »Tanten«, meist älteren Semesters und Verwandte von Gefangenen, versteckten das Geld der Drogengang in ihren Hütten oder vergruben es auf ihrem Grundstück. Die »Trägerin« besuchte Gefangene und überbrachte Nachrichten aus der Favela im Knast und umgekehrt. Sie war das direkte Verbindungsglied zwischen Boss und Geschäftsführer. Alles war geschäftsmäßig organisiert und wurde geradlinig und skrupellos abgewickelt.

Aus meinem Buch “Rio und andere Drogen“. Alle Copyrights beim Autor.

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About The Author

Matthias Bergmann ist Eisenhütteningenieur und lebt seit 1994 in Brasilien. Neben seiner Tätigkeit in der brasilianischen Eisenerzindustrie unterstützt er ehrenamtlich ein von ihm initiiertes Kinderhilfsprojekt in einer der größten Favelas der Millionenstadt Belo Horizonte.

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