Saturday 25th February 2017,
Inside Favela

Das Fenster zur Seele einer Favela

Bergmann Matthias 4. August 2012 Kunst + Fotografie Keine Kommentare
Das Fenster zur Seele einer Favela

Man sagt, die Augen seien das Fenster zur Seele. Die Augen hinter der Linse eines Fotoapparats haben die Macht die Seele des Fotografs einzufrieren und auf Bildern festzuhalten.
Para Manoel Azevedo, bekannter unter seinem Spitznamen “Du Fotógrafo”, hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Sein scharfer Blick wurde zur Quelle, die heute seine Familie ernährt.
Seit 1970 wohnt er in der Favela “Morro do Papagaio” im Süden Belo Horizontes. Seit 30 Jahren registriert er nun schon Hochzeiten, Geburtstagsfeiern, Taufen und viele andere Ereignisse außerhalb der Favela.

“Mein erster Fotoapparat war eine Kodak 126. Ich begann Menschen zu fotografieren. Ich hatte keine Erfahrung. Ich fotografierte einfach darauf los, um zu wissen, was dabei herauskam. Die Ergebnisse waren fürchterlich.”, erinnert sich Du.

Klar, er hatte natürlich kein Geld für einen Fotokurs, aber wir wissen ja: Ein Brasilianer gibt nie auf … Er fragte einfach bei den Verkäufern in den Fotogeschäften, welche Filme man am besten benutzen sollte und was man machen muss, um gute Bilder zu bekommen. Bei jedem Foto schrieb er sich die Einstellungen und den Filmtyp auf. Es hat ein paar Monate gedauert bis die ersten anständigen Ergebnisse entstanden.

Als Favela-Bewohner kannte er bereits viele Familien Als Fotograf verewigte er sie auf Bildern. Damalige Babys sind heute stolze Mütter und Väter. Einige Von ihnen sind tot – Opfer der Drogenkriminalität auf dem Morro. “Ich fühle mich traurig, wenn ich Jugendliche sehe, die Drogen verkaufen. Ich sage ihnen, dass das Leben nicht so ist. Sie sollen sich eine ehrliche Arbeit suchen, ein bescheidenes Leben führen”, erzählt er.
Während des Gesprächs erzählt Du von vier Momenten in seinem Leben, die ihn traurig machten. “Was mich am traurigsten gemacht hat, war der Unfall, bei dem ich das Augenlicht in meinem linken Auge verlor. Gott hat mir ein Auge genommen und ein anderes gelassen. Er hat mir das rechte gelassen. Das linke was das, was ich beim Fotografieren immer geschlossen hielt.”, versucht er zu ironisieren.

Bei zwei Feiern ging sein Fotoapparat kaputt. Bei einer Hochzeit streikte der Apparat ausgerechnet bei der Zeremonie. Ich hatte gerade mal 8 Fotos gemacht. Zum Glück wurden wenigstens die gut. Bei einer Schulabschlussfeier riss der Film in der Kamera. “Das Problem war zu erklären, dass ich keine Fotos von der Feier hatte. Die Leute, die mich kannten, verstanden mich. Die anderen glaubten, ich hätte es mit Absicht gemacht und beschimpften mich.”, erzählt er.
Eine andere Peinlichkeit passierte ihm bei einer Taufe. Du hatte ein T-Shit an und der Pastor wollte ihn so nicht fotografieren lassen, obwohl er mich schon seit langem kannte. “Ich musste mit ein Hemd beim Pförtner leihen”.

Die Schwierigkeiten in seinem Beruf haben ihn geformt. Heute weiß er: “Der Weg, um etwas aus seinem Leben zu machen, beginnt damit, die anderen Personen zu respektieren”.
Du ist bescheiden. Er stellt sich selber als Hobbyfotograf dar, trotz der vielen Jahre na Erfahrung. Er erkennt seine Schranken an und weiß, dass sowohl seine Ausrüstung als auch sein Fachwissen noch viele Wünsche offen lassen.

Und er hat Angst. Angst vor dem Moment, an dem sich die Fenster schließen werden und er nicht mehr festhalten kann, was sein Auge sieht. “Irgendwann werde ich aufhören müssen. Das wird ein schwerer Tag für mich.”, atmet Du tief durch.

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About The Author

Matthias Bergmann ist Eisenhütteningenieur und lebt seit 1994 in Brasilien. Neben seiner Tätigkeit in der brasilianischen Eisenerzindustrie unterstützt er ehrenamtlich ein von ihm initiiertes Kinderhilfsprojekt in einer der größten Favelas der Millionenstadt Belo Horizonte.

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