Saturday 18th November 2017,
Inside Favela

COXA PACKT AUS – Teil 2

Bergmann Matthias 29. Juni 2012 Lemi - Kolumne Keine Kommentare
COXA PACKT AUS – Teil 2

Leseprobe meines Buchs “RIO & ANDERE DROGEN” (alle Rechte dem Autor vorbehalten)

Die Tage verstrichen. Der Alltag hatte mich wieder gefangen genommen. 6 Uhr morgens fuhr ich zur Baustelle und vor 8 Uhr abends kam ich selten wieder zu Hause an. Ich schüttelte den Staub der Sinteranlage ab und begrüßte die Damen des Hauses. Doch die waren nicht besonders empfänglich für mich. Eine Telenovela hielt sie im Bann und machte sie taubstumm für meine Versuche, ein paar Worte mit ihnen zu wechseln. Die Wortwechsel liefen einsilbig ab. Immer wieder dieselbe Leier. Ich sollte mich hinsetzen und in den Fernseher schauen oder in die Küche gehen und mir selber etwas zu essen machen, falls ich Hunger hätte. Jeden Abend regelmäßig um die gleiche Zeit fiel mir die Decke auf den Kopf. Das Telenovela Glotzen ging mir auf den Docht und die stehende Luft in Rosas Haus nahm mir den Atem. Mein Geduldsfaden war bis aufs Äußerste gespannt. Es gab nur einen Ausweg, um nicht verrückt zu werden: raus auf die Straße. Mit etwas Kleingeld bewaffnet, zog ich raus in die Dunkelheit. Schon am ersten Tag machte ich einen Glücksgriff. Gar nicht so weit weg von zu Hause, stand ein stillgelegter Wohnwagen, der zu einer Imbissbude umfunktioniert wurde, gleich neben der Hauptstraße in einer der Seitengassen der Favelinha. Spätestens am dritten Abend erkannte mich die blond gefärbte, vielleicht 30-jährige Dame am Grill schon von weiten und lachte, wenn ich in ihre Richtung geschlendert kam.
»Das Gleiche wie immer?«, war ihre Frage, deren Antwort sie schon vorher kannte. Bevor sie sich an die Grillplatte verzog, um mir ein Sandwich mit einem Stück gebratenen Fleisch, Ei, Tomate und Blattsalat zuzubereiten, stellte sie mir eine Büchse Bier auf den Tresen. Dabei hatte sie ein schüchternes Lächeln auf den Lippen, was ich nicht zu deuten wagte. Ich schenkte ihr ebenfalls eins – so als wäre es ein eindeutiges Sympathiegeständnis. Und das war es wirklich. Ich fand die etwas pummelige Dame sehr nett, und irgendwann unterhielten wir uns natürlich auch einmal. Kurz nachdem ich mein »Standardgedeck« bestellt hatte, rief mich Preta, meine Frau, an. Sie war wegen ihres Jobs im 500 km entfernten Belo Horizonte geblieben. Ab und zu telefonierten wir miteinander und versuchten durch Liebesgeständnisse, Treueschwüre und ein wenig Telefonsex unsere Beziehung aufrecht zu erhalten. Zugegebenermaßen wurde das mit jedem Monat auf der Baustelle schwieriger. Wir sehnten uns nach Blick- und vor allem Körperkontakt. Aber wir mussten geduldig sein … sehr geduldig. Preta war schon geübt darin, denn es war nicht meine erste Baustelle, die ich zu betreuen hatte. Trotzdem mochte sie nicht, wenn ihr Lemi auf Baustelle ging. Es wurde immer wieder zu einer Feuerprobe für unsere noch recht junge Ehe.
Nach zehn Minuten war unser Telefongespräch beendet. Die Dame vom Grill hatte uns offenbar gelauscht. Als ich aufgelegt hatte, fragte sie mich mit erstauntem Blick: »Was? Du bist verheiratet und rennst hier mit deinen blauen Augen und deiner weißen Haut so mutterseelenallein in der Favela herum? Ist deine Frau nicht eifersüchtig?«
Ich erzählte ihr von meiner Baustelle und davon, dass ich durch den Job schon seit ein paar Wochen von meiner Frau getrennt war. Klar, dass sie ihren Tribut verlangte. Aber was sollte ich machen? Den Job schmeißen? Das ging nicht. Dazu musste ich erst im Lotto gewinnen. Doch um im Lotto zu gewinnen, musste ich erst einmal Lotto spielen. Da biss sich die Katze also schon in den Schwanz, denn, um ehrlich zu sein, wusste ich nicht einmal, wie man einen Lottoschein ausfüllte.
Mein Sandwich wurde fertig und währenddessen sie ihn liebevoll mit allerlei lecker aussehenden Zutaten belegte, lachte sie über meinen Selbsthumor. Natürlich erzählte ich ihr nichts von Grace. Auch nicht von meinem Herzschmerz bei unserem Abschied. Ich hätte ihr sicherlich einiges erklären müssen und die Geschichte wäre ziemlich lang geworden. Wahrscheinlich hätte ich die ganze Nacht an ihrem Trailer verbracht. Ich fand die Sandwich-Verkäuferin sympathisch, und irgendwie fühlte ich mich an ihrem Trailer gar nicht mehr wie inmitten einer Favela. Ich hatte mich an meine neue Umgebung gewöhnt – die primitiven Backsteinhütten, die undurchsichtige Stromverkabelung, der Gestank aus den Güllekanälen, die einfach gekleideten Leute, die ambulanten Verkäufer, die mit Billigwaren an jeder Straßenecke nach Kundschaft Ausschau hielten und die vielen Minibusse mit ihren illustren Zielen, deren Beifahrer ihren Oberkörper aus dem Seitenfenster streckten und schreiend um Kundschaft buhlten.
Doch was mir fehlte, war ein Mensch wie Grace. Ich sehnte mich nach ihr. Rosa war kein Ersatz. Obwohl die Rose ganz sicher keine Stacheln hatte, waren ihre Blüten verschlossen. Sie wollte noch nicht aufblühen. Stattdessen ließ sie ihren Kopf hängen und vergrub sich in Monotonie. Vielleicht musste ich etwas mehr in sie investieren? Ich musste sie hinterm Ofen hervorlocken. Aber wie? Mir fiel nichts ein. Irgendwie hing ich Grace in meinen Gedanken noch viel zu stark nach. Es war, als hätte man ein Stück aus mir herausgeschnitten. Ich griff zum Telefon, sah Graces Nummer, aber konnte sie nicht anrufen. Ich sah ihre Fotos, aber sie bewegte sich nicht, wie in den vielen Sambanächten, die wir zuvor zusammen verbracht hatten. Selbst ihr Geruch hing noch in meiner Nase, und ich hätte ihn wohl unter tausend anderen Düften wiedererkannt. Am Ende der zweiten Woche in der Favelinha musste ich eine traurige Feststellung machen:

Ohne Grace war Rio nur noch halb so bunt.

Ich hatte sie jetzt nur noch in meinen Gedanken und Träumen und stellte fest, dass ich mich auf dem besten Weg in eine tiefe Depression befand. Eine neue Grace zu suchen, wäre Blödsinn gewesen, denn sie existierte nicht. Es gab nur einen Ausweg. Und der hieß Rosa. Ich musste versuchen, die meinerseits vernachlässigte Beziehung zu Rosa aufzupolieren. Das war mein neues Projekt und es sollte mir aus meiner Krise helfen.
Bevor ich nach Hause ging, bezahlte ich wie üblich die 5,50 Reais für mein Sandwich und das Bier und fragte die Verkäuferin beiläufig, was das für eine blaue Leuchtreklame an dem Haus gegenüber sei. Wie schon vor einer halben Stunde, als sie feststellte, dass ich verheiratet sei, fragte sie mich völlig entgeistert: »Was? Das weißt du nicht? Das ist ein Puff!«
Ich schaute noch einmal hin. Es gab keinerlei Hinweisschild auf ein solches Etablissement. An der Eingangstür saß lediglich ein Typ, der nach einem Ausweiskontrolleur aussah. Wer weiß, was dort drin abging? Mir war es ziemlich egal. Auf dem Heimweg sammelte ich meine Gedanken und fing an, mich auf Rosa zu fokussieren. Heute war Donnerstag und ich entschloss mich, Rosa für morgen Abend zum Ausgehen einzuladen. Freitag war ein Ausgehtag. Auch in der Favela. Ganz bestimmt würde sich nicht »Nein« sagen. Ich wollte etwas intimer mit ihr werden. Rosa war sicherlich eine interessante Frau. Ich musste sie nur vorm Fernseher weglocken, dessen allabendliches Programm die Leute in der Favela völlig abstumpfte.
Zu Hause angekommen, bekam ich nicht einmal einen Blick zugeworfen. Rosa und ihre Mutter saßen wie angewurzelt vorm Fernseher und zogen sich die weiß-nicht-wievielte Folge einer Telenovela auf Globo TV rein.
»Ich bin überfallen worden!!!«, belog ich die Beiden. Ich wollte eine Reaktion erzeugen, sie vom Glotzen ablenken. Und da half nur eine Horrormeldung. Der Trick klappte. Anstatt in den Fernseher zu glotzen, blickten Rosa mit großen, erschrockenen Augen zu mir.
»Siehst du, ich hab’s dir doch gleich gesagt, dass du abends zu Hause bleiben sollst, Lemi! Selber schuld. Was haben sie diesmal von dir gewollt?«
»Nichts, Rosa. Ich wollte nur mal für zwei Minuten eure Aufmerksamkeit. Hat prima geklappt. Ihr könnt weiterglotzen.«
»Etwas gereizt, der Herr?«
»Ja, vielleicht. Mir ist langweilig. Hab niemanden zum Quatschen. Wenn ich mit Grace zusammen war, schleuderte sie die Worte aus ihrem Mund, so als wöllte sie mich damit erschlagen. Du sitzt immer nur vorm Fernseher, Rosa.«
»Was soll ich dir denn erzählen? Passiert ja eh nichts in meinem Leben.«
»Ja, genau. Es passiert nichts, weil du dein Leben vorm Fernseher vergeudest und dir stupide Telenovelas reinziehst.«
»Lemi, ich habe kein Geld, um wie du jeden Abend auszugehen. Verstehst du das nicht?«
»Doch, ich verstehe dich schon. Aber einfach nur etwas unterhalten, anstatt fernzusehen, kostet doch nichts! Also Rosa, wie sieht’s aus … gehst du morgen mit mir aus? Ich lade dich ein. Nichts Schickes. Okay!?«
Rosas Augen leuchteten plötzlich.
»Super Lemi, klar gehe ich mit dir aus!«
Mein neues Date mit Rosa war dingfest gemacht. Nachdem die ersten beiden mit einem dicken Kuss geendet hatten, wollte ich diesmal etwas mehr. Ich war überreif …

Quelle – Titelfoto: O Globo


Cover

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About The Author

Matthias Bergmann ist Eisenhütteningenieur und lebt seit 1994 in Brasilien. Neben seiner Tätigkeit in der brasilianischen Eisenerzindustrie unterstützt er ehrenamtlich ein von ihm initiiertes Kinderhilfsprojekt in einer der größten Favelas der Millionenstadt Belo Horizonte.

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