Saturday 18th November 2017,
Inside Favela

COXA PACKT AUS – Teil 1

Bergmann Matthias 26. Juni 2012 Lemi - Kolumne Keine Kommentare
COXA PACKT AUS – Teil 1

Leseprobe meines Buchs “RIO & ANDERE DROGEN” (alle Rechte dem Autor vorbehalten)

Es war Montag, und normalerweise kam ich an einem solch gewöhnlichen Wochentag immer recht spät von Arbeit. Doch durch den Ausflug zu meiner Mãe Santa war das heute ausnahmsweise anders. Ich war schon gegen 16 Uhr zu Hause und traf Coxa. Er saß in seinem Zimmer. Als er mich sah, zuckte er zusammen und versteckte etwas unter der Bettdecke. Er war zu langsam. Ich hatte die Waffe in seiner Hand schon gesehen.
»Oi Coxa. Alles klar?«
»Oi Lemi. Schon da?«
»Kannst sie wieder rausholen. Ich hab sie gesehen.«
»Lemi, bloß kein Wort zu Mãe, okay! Sie weiß nichts von dem Revolver.«
»Meinst du nicht, dass es etwas gefährlich ist, das Ding hier zu Hause rumliegen zu lassen?«
»Stell dich nicht so an, Lemi. Ich muss mich verteidigen können. Hab genug Feinde, die es auf mich abgesehen haben. Bevor die mich umlegen, verpasse ich ihnen lieber eine Kugel.«
Coxa holte seinen Revolver wieder unter der Bettdecke hervor und putzte ihn in aller Seelenruhe weiter. Als ich in seinem Zimmer vorbeischaute, weil mich die ganze Szene irgendwie beunruhigte, richtete er den Lauf seinen Colts auf mich. Ohne dass eine Sekunde verstrich, drückte er ab. Ich zuckte reflexartig zusammen, hörte aber nur das Schnappen des Hahns. Coxa lachte dreckig.
»So schnell stirbt man, Lemi«, belehrte er mich.
Ich erwiderte ihm, dass ich solche Spielchen nicht mochte und wenn er nicht aufpassen würde, könnte er schnell das nächste Opfer sein. Wie er selber schon festgestellt hatte: Genügend Gegner hatte er ja. Ich brauchte keine große Fantasie zu haben, um mir auszumalen, wer hinter Coxa her war. Egal, ob es die Polizei war, das gegnerische Drogenkommando und wahrscheinlich auch die in der Favelinha herrschenden Milizen. Alle versuchten Typen wie Coxa auszurotten. Und im Prinzip hatten sie alle Recht. Was Coxa machte, war nicht nur illegal, sondern kanalisierte ungewöhnlich hohe Geldsummen, die jede Menge kriminelle Energien bei seinen Gegnern freisetzten. Das Geschäft mit den Drogen war ein Sumpf, bei dem es keine Gnade gab. Nicht nur die Wirkung von Drogen war tödlich. Das Geschäft mit ihnen genauso. Deshalb waren Coxa und seine Kumpanen bewaffnet. Und genau deswegen erreichten nur wenige von ihnen die Volljährigkeit.

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Irgendwann packte es mich, und ich fragte Coxa, warum er sich dieser latenten Lebensgefahr aussetzte. Er musste doch irgendeine Fähigkeit haben, die ihn auch außerhalb der Drogenszene Geld verdienen ließ. Es folgte eine unerwartet lange Geschichte. Der sonst ziemlich kurz angebundene hagere Mann schüttete mir seine Seele aus.
»Eigentlich bekam ich einen ganz ordentlichen Job, nachdem ich in Rio angekommen war. Das Krankenhaus im Stadtteil Jacarepaguá stellte mich als Nachtwächter an. Der Job war okay. Ich hatte nicht viel zu tun. Meist habe ich die halbe Nacht gepennt, da Krankenhäuser sowieso nie überfallen wurden. Zumindest dort, wo ich gearbeitet habe, gab es keine Überfälle. Ich bekam nur Mindestlohn. Mit den Nachtschichtzuschlägen kam ich auf 600 Reais. Damals war ich keine 25 Jahre alt und wollte eigentlich ein völlig anderes Leben. Wenn meine Kumpels abends ausgegangen sind, musste ich auf Schicht. Und das für lächerliche 600 Reais. Das Geld reichte vorne und hinten nicht. Zum Leben war es zu wenig und zum Sterben zu viel. Trotzdem bin ich jeden Abend ins Krankenhaus gegangen. Ich war recht beliebt dort. Mein Chef meinte sogar, ich wäre zuverlässig. Bis mich eines Abends ein Dealer anquatschte. Doch er wollte mir keine Drogen verkaufen. Er fragte mich, ob ich mein Geld nicht einfacher verdienen wollte. Was ich im Krankenhaus in einem Monat bekam, könnte ich bei ihm in einer einzigen Nacht verdienen. Ich wurde hellhörig.
Er erzählte mir, wie einfach alles wäre, und dass er gerade ein Verkaufsgebiet zu vergeben hätte. Ich fragte ihn, was ich zu machen hatte. Lemi, alles klang so kinderleicht: Abends die Drogen empfangen, die Nacht über verkaufen und früh bei meinem Boss abrechnen.
Am nächsten Tag schmiss ich meinen Job im Krankenhaus und meldete mich bei Zê Elias. Sein Angebot, als Drogenverkäufer für ihn zu arbeiten, stand noch. Er brachte mich zur Favela ›Canal do Anil‹, direkt an der Avenida Ayrton Senna gelegen. Ich hatte von der Favela gehört und wusste, dass ich nie und nimmer auf eigene Faust einen Fuß dort hineinzusetzen gewagt hätte. Es war eines der Bürgerkriegsgebiete, die ich aus dem Abendjournal kannte. Es kamen nur schlechte Nachrichten von dort. Und das hieß einfach nur: Tote, viele Tote.
Zê Elias zeterte nicht lange und machte mir klar, wie ich mich zu verhalten hatte. Es gab klare Regeln und nur einen Boss. Und das war er! Er erklärte mir, dass es in der Favela andere Leute gäbe, die für meine Sicherheit verantwortlich seien. Er überreichte mir ein Sprechfunkgerät. Darüber sollte ich von den Sicherheitsleuten informiert werden, wenn die Polizei in die Favela einrückte, damit ich rechtzeitig abtauchen konnte. Es gab ein Haus, dessen Bewohnerin mich auf ein Klopfzeichen hineinlassen und als ihren Neffen tarnen würde. Mein Drogenpaket verschwand in einem abgedeckten Hohlblockstein unter ihrem Hausdach. Zum Schluss unseres Gesprächs kramte Zê Elias in seinem Rucksack und überreichte mir ein Geschenk. Er fragte mich, ob ich damit umgehen könnte. Da ich vorher noch nie einen Revolver in der Hand gehalten hatte, kam das ›Klar Boss‹ etwas wackelig aus meinem Mund gepurzelt. Er erwiderte nur: ›Okay, dann schieß auch! Sonst knallen sie dich ab …‹
Mein neuer Boss versorgte mich auch mit Drogen. Am Anfang waren zwanzig Tüten pro Nacht, dann immer mehr. Eine Tüte Crack kostete 5 Reais, Marihuana 10 Reais. Kein Verhandeln, keine Rabatte und nur Bargeld. Zê Elias hämmerte auf mich ein: ›Wir haben das Kommando in der Favela. Wer Drogen will, muss zahlen. Kein Geld, keine Droge. So ist der Deal. Fertig.‹
Zê Elias war souverän. Ja, eigentlich sogar kaltschnäuzig. Obwohl er keine ausgeprägte Verbrechervisage hatte, traute ich ihm zu, dass er seine Gegner eiskalt umlegte. Ich wurde unsicher, ob ich den richtigen Schritt getan hatte, und wünschte mir insgeheim mein Pförtnerhäuschen im Krankenhaus zurück. Doch alles was später kam, überzeugte mich vom Gegenteil. Ich schaffte es, jede Nacht Drogen für 400 Reais zu verkaufen. Die Hälfte des Geldes war Gewinn und gehörte mir. Dafür hätte ich im Krankenhaus über eine Woche arbeiten müssen, Lemi! Verstehst du? Raus aus der Misere, keine Armut mehr! Endlich hatte ich Geld und genoss es einfach nur. Ich konnte mir Markenklamotten kaufen, durch Nachtclubs ziehen, Weiber aushalten und sie anschließend im Motel vögeln. Mein Leben war endlich so, wie ich es mir immer erträumt hatte!
Dann kam die Wende. Ich lernte die Frau meines Lebens kennen. Ich mochte sie so sehr, dass ich zu ihr zog. Ein paar Wochen später war sie schwanger. Dann fing sie an, Probleme zu machen. Sie duldete meine nächtlichen Ausflüge nicht mehr. Ich sollte mich darauf vorbereiten, ein guter Vater zu werden, Vorbild sein und so, vor allem aber endlich einen ordentlichen Job suchen und mit dem Drogen dealen aufhören. Doch ich konnte nichts anderes! Meine Freundin bestand darauf, dass ich ehrlich arbeiten gehe. Egal, ob ich weniger dabei verdiene. Sie wollte einen ehrlichen Vater für ihr Kind, der nicht in ständiger Angst vor seinen Gegnern leben musste und schon vor der Geburt seines ersten Kinds tot in irgendeiner dreckigen Gasse gefunden wurde. Sie wollte nicht schon mit 18 Jahren Witwe sein. Ich dachte darüber nach auszusteigen. Gemeinsam mit Nenem fing ich an Schrott zu sammeln und zu verkaufen. Es war ein Knochenjob, doch das juckte mich nicht. Mein Einkommen fiel jedoch rapide ab. Es kam kaum der Lohn, den ich damals im Krankenhaus verdiente, zusammen und musste dafür viel härter arbeiten. Doch ich zog es ein paar Wochen durch. Dann gab’s die ersten Probleme. Zê Elias kam an und meinte, dass ich ihn nicht bezahlt hatte. Ich hätte noch Schulden. So etwas dulde seine Organisation nicht. Er gab mir 24 Stunden, um 2000 Reais zu bezahlen … 2000 Reais!!!
›Wenn du nicht pünktlich zahlst, lasse ich dich umlegen‹, so seine Worte. Natürlich hatte ich nicht so viel Geld. Ich konnte auch niemanden anpumpen. Ich merkte plötzlich, dass ich überhaupt keine Freunde hatte. Ich wusste zwar, dass Rosa etwas gespart hatte, aber die zu fragen, wäre reine Zeitverschwendung gewesen. Sie hasste mich, seitdem ich Drogen verkaufte. Ich war für sie die Schande der Familie. Sie schrie mich an, dass ich meine Mutter demütige und sie wegen mir in ewiger Angst leben müsse. Ich hatte keine Wahl. Ich musste flüchten. Ich verließ nicht nur das Stadtviertel, sondern auch meine gerade neu gegründete Familie. Doch lieber keine Freunde und Familie mehr als wie ein überfahrener Hund auf der Straße sterben. Ich machte mir selber Hoffnung, mich irgendwie an einem anderen Platz neu zu arrangieren. Ich fing natürlich wieder an, Drogen zu verkaufen. Diesmal für einen anderen Dealer. Die 2000 Reais hatte ich schnell zusammen. Es war ein knapper Monat Arbeit und ein etwas enthaltsameres Leben. Weniger Alkohol, weniger Frauen … du weißt schon, Lemi. Mit dem Geld in der Tasche flüchtete ich wieder in die andere Richtung. Als ich vor der Haustür meiner Freundin stand, bekam ich die Tür gegen den Kopf geknallt. Anstatt mich reinzulassen, schickte sie mich zum Teufel. Sie rief mir noch hinterher, dass sie keinen Taugenichts als Vater für ihr Kind haben wollte und es bevorzugte, das Kind ohne Vater zu registrieren als mit meinem Namen. Ich hatte nur noch eine Zufluchtsstätte: Zê Elias. Er begrüßte mich mit der Knarre in der Hand und wollte natürlich das Geld sehen. Ich übergab es ihm sofort, denn ich hatte keine Lust meinen Kopf zu riskieren. Er wurde regelrecht liebevoll zu mir: ›Braver Soldat, Coxa, braver Soldat!‹. Mir blieb nichts weiter übrig als ihm weiter zu dienen. Acht Monate später kam er bei einer Schießerei mit der Polizei ums Leben. Sein Nachfolger wurde ebenfalls getroffen, allerdings nur ins Bein. Die Bullen haben ihn mitgenommen und eingebuchtet. Ich war der nächste in der Hierarchie. Die Drogengeschäfte in der Favela gehörten von da an mir.«

Fortsetzung folgt …


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About The Author

Matthias Bergmann ist Eisenhütteningenieur und lebt seit 1994 in Brasilien. Neben seiner Tätigkeit in der brasilianischen Eisenerzindustrie unterstützt er ehrenamtlich ein von ihm initiiertes Kinderhilfsprojekt in einer der größten Favelas der Millionenstadt Belo Horizonte.

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