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Brasiliens Definition für “Extreme Armut”

Bergmann Matthias 20. Februar 2013 Lemi - Kolumne Keine Kommentare
Brasiliens Definition für “Extreme Armut”

Ich hatte es schon einmal im Fernsehen gehört, glaubte aber meinen Ohren nicht. Nun steht es Schwarz auf Weiss in der Tageszeitung “O Globo”. Dilma Rousseff, ihres Zeichens Präsidentin des fünftmächtigsten Landes der Welt, definiert eine Person, die 70 Reais (ca. 27 Euro) im Monat bekommt, nicht mehr als extrem arm. Das sind genau 2,33 Reais pro Tag, also weniger als 1 Euro! Nun kann man sich natürlich fragen, wie hoch die Lebenskosten in Brasilien sind und das wenige Geld vielleicht sogar ausreicht, um sich davon ein menschenwürdiges Leben leisten zu können. Wer dies glaubt, unterliegt leider einen Irrtum. Brasilien ist ein Teuerland! Die Lebenshaltungskosten sind extrem hoch, ich wage es sogar zu sagen, höher als in den USA, Deutschland oder Europa im allgemeinen. Deshalb frage ich die Präsidentin Brasiliens:

- Wie kann sich ein Mensch von 70 Reais im Monat ernähren?
- Wie soll er seine Strom- und Wasserrechnung bezahlen? Oder ist ihm das Duschen etwa nicht erlaubt?
- Wie soll er sich kleiden?
- Darf er auch mal einen Bus benutzen (wohl eher nicht, denn hier in Belo Horizonte z.B. kostet die Einzelfahrt 2,80 Reais)?
- Was soll er Haushaltsgegenstände und persönliche Hygieneartikel bezahlen?
- Wie soll er seine Kinder grossziehen, einkleiden, Schulbücher kaufen?

Dilma, wenn du das ernst meinst, was du gerade in der Öffentlichkeit loslässt, dann hast du entweder die Relationen zur Wirklichkeit verloren oder du verarscht ganz einfach dein Volk! Wenn man sich natürlich bei Amtsantritt auf die Fahne schreibt, Brasilien von der Armut zu befreien, ahnt man natürlich schon, dass eine solche Erklärung rein politischen Charakter hat und nicht ernst gemeinst sein kann. Die Armutsgrenze bei 70 Reais festzulegen, ist nichts anderes als eine mutwillige Verfälschung von Statistiken. Und wenn dann solche Zeitungen wie “O Globo” darüber berichten (ich frage mich, was ein Journalist denkt, wenn er so etwas das schreibt?), springt die internationale Presse auch noch darauf an und verbreitet in den ganzen Welt, wie gut es der brasilianischen Bevölkerung geht. Das ist lächerlich. Ohne die Verdienste der sozialistischen Regierungen Lula und Dilma schmälern zu wollen, behaupte ich festen Glaubens und Wissens, dass es Brasilien nach wie vor Millionen von verzweifelten Menschen gibt, die heute noch nicht wissen, was sie morgen auf den Tisch bekommen.

Auf jeden Fall muss man sich nicht darüber wundern, dass bei diesem Hungerlohn die Jugendlichen lieber Drogen verkaufen, klauen gehen oder sich prostituieren, als auf solche Staatsalmosen wie “Zero Fome” zu hoffen.

Artikel bei Jornal “O Globo”

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About The Author

Matthias Bergmann ist Eisenhütteningenieur und lebt seit 1994 in Brasilien. Neben seiner Tätigkeit in der brasilianischen Eisenerzindustrie unterstützt er ehrenamtlich ein von ihm initiiertes Kinderhilfsprojekt in einer der größten Favelas der Millionenstadt Belo Horizonte.

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