Saturday 16th December 2017,
Inside Favela

In eigener Sache: Brasiliens 11. September

Bergmann Matthias 12. September 2014 Lemi - Kolumne Keine Kommentare
In eigener Sache: Brasiliens 11. September

Gestern war wieder einmal der 11. September. Auch 13 Jahre danach flimmerten die schrecklichen Fernsehbilder durch mein Gedächtnis. Die Worte Entsetzen, Grauen und Sprachlosigkeit beschrieben meinen damaligen Geisteszustand wohl am treffendsten. Der 11. September 2014 schrieb seine eigene Geschichte, ebenfalls eine sehr traurige.
Um 17:30 Uhr begann ein Schusswechsel in der Favela Nova Brasilia. Eine halbe Stunde später stand fest, was ich seit dem Ende der Fußball-WM am 13. Juli in irgendeiner Weise erahnt hatte: der Burgfrieden hatte sein Ende gefunden. UPP-Kommandant Uanderson Manoel da Silva, 34 Jahre alt, wurde von einem Mitglied des Drogenkommandos »Comando Vermelho« von einer Patrone getroffen. Der Schuss in die Brust bedeutete nicht nur das Ende seines Lebens, sondern vor allem das Ende einer knapp vier Jahre andauernden Friedensperiode. Die Drogenbande hatte ihr Versprechen wahrgemacht und war drauf und dran, sich die Favela zurückzuerobern. Nachdem die Befriedungstruppe die Favela mit gepanzerten Fahrzeugen im November 2010 von seiner Seuche befreite und tonnenweise Rauschgift und Waffen beschlagnahmt hatte, wurden nun die Posten der Befriedungstruppe nach und nach wieder in Brand gesetzt, ausgeräuchert und deren uniformisierten Bewohner gnadenlos abgeschlachtet. Das »Kommando« holte sich seine Macht zurück. Eine Macht, die es sich über 30 Jahre in fast allen Favelas Rio de Janeiros sukzessive aufgebaut hatte und nun nicht mehr den Launen eines naiven, gutgläubigen Ministerpräsidenten überlassen wollte. Der hatte momentan sowieso ganz andere Probleme. Sein Name stand auf der Liste der in den Korruptionsskandal um den Staatskonzern Petrobrás verwickelten Politiker, die vor einer Woche von einem Verräter aus den eigenen Reihen an die Zeitschrift »VEJA« weitergegeben wurde. Schon seit einigen Monaten versuchte die Zivilpolizei durch verdeckte Ermittlungen eine Verbindung zwischen Regierungsmitgliedern und dem Verschwinden von mehreren Milliarden Reais aus den Kassen der Petrobrás herzustellen. Mit der Festnahme des Petrobrás-Direktors Paulo Roberto Costa gelang ihnen der entscheidende Schlag. Costa, einer der wohl wichtigsten Geheimnisträger innerhalb des Petrobrás-Konzerns, entschloss sich gegen eine Strafminderungsprämie bei den polizeilichen Ermittlungen zu helfen und die Namen der in den Skandal verwickelten Politiker zu nennen. Sergio Cabral, derzeitiger Ministerpräsident des Bundesstaats Rio de Janeiro und selbsternannter Vater der Befriedung von Rios Favelas, schmückte die Liste illustrer Krimineller, die sich systematisch aus der schwarzen Kasse des Ölkonzern bedienten. Im Prinzip reihte er sich übergangslos in Rios Kette aus Verbrechern ein. Politiker gehörten genauso wie Drogenkommandos und Schutzgeldmilizen zum Abschaum der brasilianischen Gesellschaft. Zwischen ihnen stand das Volk. Ohnmächtig, in irgendeiner Weise auf die Missstände im eigenen Land zu reagieren. Zwischen ihnen standen auch ein paar Hundertschaften von Polizisten, die glaubten, durch ihre ehrliche, aufopferungsvolle Arbeit Frieden in Rios Favelas schaffen zu können. Uanderson Manoel da Silva war einer von ihnen. Ihn traf eine Kugel in Ausübung seines Dienstes, genau wie 200 andere Polizisten Rio de Janeiros im Laufe desselben Jahrs. Da das Jahr am 11. September gerade mal 250 Tage alt war, wurde selbst Nicht-Statisten schnell klar, dass der Tod des Polizisten zum Alltag in Rio gehörte und so zu einem stinknormalen Tagesereignis verkam. Auch wenn Uandersons Frau und seine 7-jährige Tochter diesen Tag wohl nie aus ihrem Kopf streichen können, wird der Rest der Brasilianer ihn schnell vergessen. Schließlich wird morgen schon wieder ein anderer Polizist ermordet und übermorgen ein weiterer.

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About The Author

Matthias Bergmann ist Eisenhütteningenieur und lebt seit 1994 in Brasilien. Neben seiner Tätigkeit in der brasilianischen Eisenerzindustrie unterstützt er ehrenamtlich ein von ihm initiiertes Kinderhilfsprojekt in einer der größten Favelas der Millionenstadt Belo Horizonte.

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