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Inside Favela

100 Jahre Dona Dalila

Bergmann Matthias 5. September 2012 Info Favela Keine Kommentare
100 Jahre Dona Dalila

“Es gab nur Gebüsch.” Mit diesem Satz fing Dona Dalila da Conceição, 99 Jahre alt, eine der ersten Tausend Bewohnerinnen der Favela “Complexo do Alemão” in Rio de Janeiro, ihre Geschichte na zu erzählen. Sie setzte sich auf das Sofa ihrer einzigen noch lebenden von 9 Kindern und begann aus ihrem geplagten Leben zu erzählen.
Auf dem Land aufgewachsen ging Dona Dalila wie viele auf der Suche nach Arbeit als Waschfrau nach Rio de Janeiro. An das genaue Jahr kann sie sich nicht mehr erinnern.
Ihre Hände zeigen die Schwielen der harten Arbeit. Das Waschwasser musste sie AM Fuße des Berges holen und auf dem Kopf in einem Eimer nach oben tragen. Ihr gusseisernes Bügeleisen war schwer und wurde mit Holzkohle beheizt.
Heute, sagt sie, kann sie nicht mehr alleine durch die Favela laufen, wo sie so viele Jahre ihres Lebens verbracht hat. Aber nicht aufgrund ihres hohen Alters. „Ich verlaufe mich. Es sind zu viele Straßen und Gassen. Ich erkenne nichts wieder“, erklärt sie. Ihre Tochter Selma stimmt ihr zu: „Gott sei Dank ist das hier eine richtige Stadt geworden. Es hat gedauert, aber nun ist es so weit. Ich erinnere mich gut, dass wir kilometerweit bis zum nächsten Markt laufen mussten. Alles war weit weg damals“, erinnert sie sich.
Mutter und Tochter wohnten einst dort, wo es heute die moderne Seilbahn, den Teleferico, gibt. Heute wohnen sie in der Favela Grota, hatten aber bisher noch nicht den Mut, das neue Transportmittel zu benutzen. „Ich habe Angst, aber ich weiss, dass die Bahn für viele Leute gut ist,“ sagt Selma.
Dona Dalila drückt sich etwas radikaler aus: „Gott befreie mich von dieser Bahn. Lieber sterbe ich als so etwas zu benutzen,“ sagt die nun bald Hundertjährige, die Schwierigkeiten hat, die vielen Veränderungen in der Favela zu verstehen. Aber sie glaubt daran, dass es gut für die Jugend ist, unter anderem auch für die beiden Töchter ihrer Tochter Selma, die ebenfalls im Complexo wohnen. „Man hat viel mehr Möglichkeiten als früher. Es entstehen immer mehr neue Jobs“, bestätigt Selma.
Selma sagt, dass die Leute erschrecken, wenn sie Dona Dalila lebendig auf der Straße treffen. „Sie ist ein wandelndes Archiv. Es den alten Zeiten ist nur sie übrig geblieben. Sie fühlt sich immer noch gut und erinnert sich an alles.“
Mitten im Gespräch schläft Dona Dalila plötzlich ein. Selma beobachtet sie und sagt: „Ich habe Glück so eine gute Freundin wie meine Mutter zu haben.“ Dona Dalila öffnet die Augen ein wenig, schickt ihrer Tochter ein Lächeln herüber und schließt sie wieder. „Genau so ist sie. Sie schläft den ganzen Tag. Aber ich wecke sie immer wieder auf, weil sie sonst nachts nicht schlafen will,“ beschwert sich die Tochter, die gleichzeitig viel Liebe, Achtung und Respekt ihrer Mutter gegenüber zeigt.
„Wir werden ein großes Fest zum 100. Geburtstag machen! Sie hat es verdient“, sind Selmas abschließenden Worte.

Titelfoto: Allana Amorim
Quelle: www.vozdascomunidades.com.br

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About The Author

Matthias Bergmann ist Eisenhütteningenieur und lebt seit 1994 in Brasilien. Neben seiner Tätigkeit in der brasilianischen Eisenerzindustrie unterstützt er ehrenamtlich ein von ihm initiiertes Kinderhilfsprojekt in einer der größten Favelas der Millionenstadt Belo Horizonte.

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